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Etappe 13 – Dvarka

Sanfte Sadhus, pilgernde Kühe und ein vegetarischer Exkurs 

mit Dvarka oder Dwarka habe ich nun einen richtigen Geheimtip für Indien­reisende erreicht. Diese kleine Stadt liegt an der Mündung des Gomati-Flusses im Westen Gujarats und gehört zu den ganz besonders heiligen Orten Indiens.

Die Heiligkeit Dvarkas begründet sich darin, daß nach der Hindu-Überlieferung Krishna hier seine Hauptstadt erbauen ließ, und zwar geschah das gegen Ende des Dvapara-Yuga, des vergangenen Welt­zeitalters. Manche Hindus glauben ent­sprechend, daß die Stadt 5000 Jahre alt sei, obwohl einer anderen Überlieferung nach die Stadt nach Krishnas Tod am Beginn des gegen­wärtigen Kali-Yuga im Meer versank. 

Der Dvarkadhish Mandir

Im Zentrum der Stadt liegt der Dvarkadhish Mandir, ein herrlicher, im indo–arischen Stil erbauter Tempel mit einem schlanken, himmelhoch aufstrebenden Turm, auf dessen Spitze eine leuchten orangerote Fahne die zahl­reichen Pilger begrüßt. Auch wenn das kolportierte Alter von 5000 Jahren historisch nicht zu halten ist, so macht seine erhabene Architektur doch einen enormen Eindruck; tagsüber ist er geschlossen, aber am Abend entfaltet sich ein intensives und sehr friedliches religiöses Leben, wenn die Pilger im Tempel singen oder sich ganz diszipliniert am Eingang zum Aller­heiligsten aufstellen und nach dem Besuch der großen Kultstatue ein süßes Prasad verzehren. Leider besteht ein strenges Photo­verbot, aber in diesem Fall bringe ich dafür Verständnis auf: Blitzlicht­gewitter wäre der Atmo­sphäre allzu abträglich.

Abends am Gomati Ghat

Gleich dahinter bildet der Gomati-Fluß (der Name bedeutet „reich an Kühen“) die Grenze der Stadt; betonierte Stufen (Ghats) führen bis ans Wasser, und abends sieht man schwimmende Kerzen und Pilger bei einer heiligen Waschung. Hundert Meter weiter beginnt bereits der Strand, und der etwas klobige Samudra-Narayan-Tempel markiert die Stelle, an der die Gomati ins Meer mündet. Am Strand sitzen die orange­gekleideten Sadhus, indische Asketen, die man auch sonst überall in der Stadt antrifft und die anders als in den meisten Pilger­städten die paar westlichen Touristen freundlich anlächeln, sie aber nicht aggressiv anbetteln. Außer den Sadhus bleiben auch die vielen Kühe in Erinnerung, die die Straßen entlang­trotten und nach Eßbarem suchen. Hier im Westen Indiens dominieren die Zebus, die massiv gebauten Höcker­rinder mit grauer bis weißer Fellfarbe.

Sadhus vor dem Samudra Narayan Mandir

Der freundliche Charakter Dvarkas paßt zu Krishna, dem menschlichsten und sympathishsten aller Hindu-Götter, von dem zugleich schwankhafte Erlebnisse mit Kuh­hirtinnen, trickreiche Kriegstaten und auch abstrakte, anspruchsvolle Theologie erzählt werden. Er gilt als eine Inkarnation Vishnus, aber nicht wenige Hindus drehen dieses Verhältnis um und sehen in ihm das Höchste Wesen, aus dem Vishnu und in weiterer Folge alle anderen Götter ent­springen. 

Hier tragen auch Männer Ohrringe

Krishna selbst erklärt seine Natur in der Bhagavad-Gita, dem bekanntesten aller hindu­istischen Texte. In diesem „Lied der Gottheit“ gibt Krishna in Dialogform einen Überblick über verschiedene religiöse Praktiken und Philo­sophien und erläutert, wie man durch abstrakte Erkenntnis, selbstlose Tat und zuletzt Hingabe an ihn stufen­weise zur Erlösung empor­steigen kann.  Im klimaktischen elften Kapitel offenbart er sich in einer beein­druckenden Theophanie als der Ursprung aller Dinge: Mit den Worten „Sieh hier die ganze Schöpfung, das Leblose und das Belebte, zusammengebunden zu Einem in meiner Person“ fordert er seinen Zuhörer Arjuna auf, ihn unverhüllt zu sehen; Arjuna beschreibt das Gesehene mit den Worten „Alle himmlischen Gefilde und der Raum zwischen Erde und Himmel sind von dir allein erfüllt“.  

Der Brahmaji Mandir ist einer der ganz wenigen Brahma-Schreine Indiens

Danach gibt Krishna noch einige Lektionen über Yoga und Metaphysik, bis er schließlich im acht­zehnten und letzten Kapitel in fast biblischem Stil die Erlösung verheißt: „Ich werde dich von allen Sünden befreien; fürchte dich nicht“.  Überhaupt könnten viele Sätze der Bhagavad Gita auch im Neuen Testament stehen, oder tun das sogar in ganz ähnlicher Form: „Ich bin der Weg, der Erhalter, der Herr, der Allsehende, die Heimstatt, die Zuflucht und der Freund“ ist ein besonders prägnantes Beispiel. 

Fischereiflotte vor der nahegelegenen Insel Dvarka Bet

Natürlich gibt es in Dvarka noch eine Anzahl weiterer Tempel, darunter sogar einen jener ganz wenigen, der dem Brahma geweiht ist. Wirklich erwähnenswert ist aber nur der Rukshmini Mandir etwas außerhalb der Stat; Rukmini war eine Geliebte Krishnas, die er aus einer unglücklichen Verlobung befreite. Über­haupt ist es bemerkenswert, daß Krishna bei der Damenwelt besonders großen Anklang fand und sogar tausende Ehefrauen hatte. Dieser Tempel wird am Nach­mittag zum Treff­punkt hunderter Sadhus, die sich ganz friedlich auf den Boden setzen und gemeinsam meditieren, ehe sie sich wieder aufmachen, um in einer langen orangen Schlange zur Stadt zurück­zu­wandern.

Mit der Kuh auf Du & Du

Beim Herumspazieren in Dvarka habe ich nichts gefunden, was darauf deuten könnte, daß die Menschen hier jemals Fleisch essen: Kein Restaurant wirbt mit dem sonst so allgegenwärtigen “Veg. & Non-Veg”, es gibt keine Fleischhauer oder Geflügel­händler, nicht einmal Eier habe ich irgendwo gesehen. Praktisch fleisch­freie heilige Städte gibt es in Nord­indien einige, und ich werde das zum Anlaß nehmen, einen historischen Exkurs über den Vegetarismus in Indien anzufügen. Das erspart es mir auch, meine süßen Traumata mit der Gujarati-Küche weiter ausbreiten zu müssen.

Originär hat die vegetarische Ernährung nichts mit dem Hinduismus zu tun: In seiner frühen, vedischen Form waren ihm zwar die Kühe heilig, anderes Getier galt aber als unbedenklich eßbar. In der zweiten Hälfte des ersten Jahr­tausend vor Christus wurde der Hinduismus (in der damaligen Entwicklungs­stufe auch als Brahmanismus bezeichnet) allerdings von zwei anderen Religionen für einige Jahr­hunderte an den Rand gedrängt, die beide in unter­schiedlicher Intensität den Fleisch­konsum verboten: Buddhismus und vor allem Jainismus. 

Schwarzaugenbohnen

Letztlich behielt der Hinduismus die Oberhand und ging aus dem ideologischen Konflikt als Sieger hervor: Die Buddhisten, die in spät­hellenistischer Zeit noch die Mehrheit in Nord­indien gestellt hatten, starben völlig aus, und die über ganz Indien verbreiteten Jains konnten sich nur im Nord­westen in größerer Zahl erhalten. Aber der neue, puranische Hinduismus war gegenüber seinem Vorläufer so drastisch verändert, daß man fast von einer Neu­erfindung sprechen kann: Einige seiner zentralen Konzepte waren ganz neu,  wie zum Beispiel der Vegetarismus als Fremd­import oder der Yoga und das damit zusammen­hängende Konzept einer streng regel­mentierten persönlichen Hingabe an Gott (Bhakti).  Andere Innovationen wurden dagegen aus Gedanken­gängen entwickelt, die in der brahma­nisti­schen Epoche nur Rand­effekte gewesen waren.

Zu letzteren gehört übrigens der Mono­theismus. Im Vedanta, der philo­sophischen Analyse der vedischen Über­lieferungen, hatte es zwar schon immer eine mono­theistische Strömung gegeben, aber die war gegenüber anderen Inter­pretation nie dominant geworden; heute betrachten dagegen die meisten gebildeten Hindus alle Götter als Teil­aspekte eines Höchsten Wesens, das wahlweise mit Shiva, Vishnu (und, in Erweiterung, Krishna) oder einem abstrakten Prinzip (etwa Shakti, der „weiblichen Energie“, oder Brahman, der allumfassenden Seele des Universums) gleichgesetzt wird. “The gods are just ministers of God” erklärte mir dazu ein Brahmane in Jammu, der offenbar das büro­kratische Denken im modernen Indien sehr verinnerlicht hatte.

Alle Inder essen viel mehr Gemüse als typische Mittel­europäer, was natürlich auch finanzielle Gründe hat. Hindus düfen kein Rind essen (und die meisten halten sich auch daran), aber genereller Vegetarismus ist für die niedrigen Kasten nur empfohlen, nicht vorgeschrieben. Viele halten sich an die Empfehlung, besonders hier im Gujarat; umgekehrt gibt es aber auch einige Brahmanen, die es es mit der Fleisch­losigkeit nicht so genau nehmen und zumindest Fisch verzehren (das ist in Bengalen üblich); in Kashmir gibt es sogar eine brahmanische Gruppe, die generell Fleisch ißt. Bei Eiern scheiden sich die Geister, und Milch­produkte werden trotz ihres höheren Preises universell genossen, gelten sie doch als besonders rein, weil sie vom Heiligen Tier stammen.

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