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Etappe 13 – Patan

von
seiltaenzerin

Gladiatoren vor dem hinduistischen Pantheon, Webtücher mit komplizierter Logistik und Zucker, der auf die Nerven geht

nein, das ist kein Déja-vu – ich bin in Patan, einer Klein­stadt in Gujarat und nicht zu verwechseln mit der fast gleichnamigen Stadt in Nepal, von der ich vor ein paar Monaten berichtet habe. Patan ist eine historische Stadt mit einer mehr als tausend­jährigen Geschichte, aber leider fast ohne historische Bau­substanz, da es Anfang des 13. Jahrhunderts von einer muslimischen Armee aus Delhi vollständig geschleift wurde.

Allerdings hat sich durch einen Zufall einer der schönsten und größten Stufen­brunnen Indiens erhalten. Dieses spektakuläre Bauwerk war völlig verschlammt und in Vergessen­heit geraten, wurde aber seit 1960 vom Archeological Survey of India vorbildlichst konserviert und bedachtsam restauriert. Anders als die praktisch vollständig intakten Stufen­brunnen Amdavads ist der Rani ki Vav (der „Stufen­brunnen der Königin“) sofort als Ruine zu erkennen, was dem grandiosen Eindruck allerdings keinen Abbruch tut.

Abgang zum Rani-ki-Vav

Eine breite Haupt­treppe führt etwa 20 m tief in den Boden; wegen des Fehlens von Zwischen­stockwerken ist die ganze Anlage sehr hell, und die gut sichtbaren, überreich dekorierten Wände wirken fast so bilder­gewaltig wie die etwa gleich alten Tempel von Khajuraho. Man wähnt sich fast in einem Amphi­theater, in dem man als Gladiator vor den Augen des gesamten hinduistischen Pantheons auftreten muß. Viele der Statuen sind erstaunlich gut erhalten und zeugen von hoher Kunst­fertigkeit: Die Waffen der vielarmigen Göttin Durga sind so filigran gearbeitet, daß sie beim Hinsehen abzubrechen drohen, und die von eberköpfigen Varaha gerettete Erdgöttin Prithvi greift diesem vertrauensvoll an die Schweinsnase. Außer Varaha sind noch weitere Inkarnationen Vishnus zu sehen, darunter auch die selten dargestellten Buddha und Kalki.

Ein taschentuchgroße Stück Patola-Stoff kostet um die 30 €

Gujarat ist für das hohe Niveau seiner Textil­traditionen bekannt. Hier in Patan gibt es eine in Indien einzigartige Färbe- und Webtechnik namens Patola, die sonst nur noch in einem einzigen Dorf auf Bali gepflegt wird: Schuß- und Kettfäden werden vor dem Verweben so gefinkelt eingefärbt, daß sich nach dem Weben ein Muster ergibt. Der offensichtliche Vorteil dieser komplizierten Logistik ist, daß die solcherart gewebten Tücher von beiden Seiten exakt gleich aussehen. Aus praktischen Gründen sind diese Muster auf horizontale und vertikale Elemente beschränkt, so daß die fertigen Gewebe irgendwie „verpixelt“ aussehen, aber das tut der Bewunderung für diese raffinierte Technik keinen Abbruch. Die Preise beginnen bei etwa 30 € für ein taschentuch­großes Verschnitt­stück, und reichen bis zu mehreren tausend Euro für einen ganzen Seiden­sari. Nur ganz wenige Familien stellen solche Patola-Stücke her, aber deren Auftrags­bücher sind so gut gefüllt, daß sie auf besichtigende Touristen keinerlei Druck zum Kauf ausüben müssen.

Varaha und die Erdgöttin

Weitere Sehenswürdigkeiten führen meine beiden Reise­führer nicht mehr auf, aber damit liegen sie falsch: Der alte Teil von Patan hat ein etwas unspekta­kuläres aber liebens­wertes Erscheinungs­bild und bietet zumindest einen ganz sehenswerte Jain-Tempel. Eine Einrichtung namens Sri Patan Panjrapol brachte mich zum Schmunzeln: Hier pfegen Hindus diverse herrenlose Tiere, darunter Kühe, Tauben, Wasser­büffel und Kaninchen. Man könnte das Panjrapol fast für eine Art Streichelzoo halten, wäre der Boden nicht fast durchgehend mit Exkrement bedeckt.

Durga zieht den Dämon Mahisha aus dem Büffel, in dem er sich versteckt hatte

Richtig erstaunlich ist jedoch die Stadt­mauer, die aus dem 15. Jahrhundert stammt und in stark schwankender Qualität erhalten ist. Der untere Teil ist aus Stein gemauert, und darauf kam ein Ziegel­aufbau, was ingsesamt etwa 8 m Höhe ergibt. Unter die großen Steinquader für die Mauer haben sich auch einige Steine mit hinduistischen oder jainistischen Symbolen gemengt – ein sicheres Zeichen, daß die Mauer von Muslimen erbaut wurde, die die Tempel der Stadt als Stein­bruch mißbrauchten. 

Kalki, die zukünftige Inkarnation Vishnus

Die Mauer wird von mehreren Toren durchbrochen, an denen mittlerweise wenigstens einige Restaurierungs­arbeiten laufen. Entlang ihrem Verlauf verfällt sie allerdings ganz ungehindert, und das läßt sich auch nicht leicht ändern: Auf der Innenseite hat sich inzwischen eine nur von den Toren unter­brochene Reihe von einfachen Behausungen gebildet, deren Bewohner zwar formaler­weise als städtische Bürger gelten müssen, aber in Wirklichkeit das Leben der dörflichen Land­bevölkerung leben. Überhaupt ist es erstaunlich, wie ländlich Patan außerhalb des Stadt­kernes, aber noch innerhalb der Stadtmauer wirkt – der Ort scheint in den letzten Jahr­hunderten beträchtlich geschrumpft zu sein.

Nach diesem Loblied auf Patan muß ich nun leider auf den Pferdefuß zu sprechen kommen: Die Küche in Gujarat ist, naja, etwas merkwürdig und hat die zweifelhafte Aus­zeichnung, mir als einzige indische Regional­küche nicht besonders zu schmecken. Zwar ißt man in Gujarat grundsätzlich nicht viel anders als in den Nachbar­staaten, aber die Gujarati haben die absonderliche Eigenschaft, alles zu zuckern.

Thali

In Amdavad bewahrten mich die zahlreichen Muslim-Restaurants und die auf Punjabi-Küche spezialisierten vegetarischen Lokale davor, allzuoft in den Zucker beißen zu müssen. In Patan herrschen aber eher die typisch gujaratischen Verhältnisse, und ich habe noch kein einziges Non-Veg-Restaurant gesehen: Gujarat hat den höchsten Vegetarieranteil von allen indischen Unionsstaaten. Der Staat ist ja zugleich Hoch­burg des Jainismus als auch Heimat von Mahatma Gandhi, der Zeit seines Lebens in der vegetarischen Ernährung einen Schritt zur moralischen Vervollkommnung des Menschen sah. Ebenfalls als Verbeugung vor Gandhi lassen sich übrigens die strengen Anti-Alkohol-Gesetze in Gujarat deuten.

Kichererbsen in Zuckersauce

Während ich gegen vegetarisch wirklich nichts einzuwenden habe, geht mir der Zucker schwer auf die Nerven. Er ist überall drin: In den Linsen, in den Kartoffeln, im Gemüse­curry und bald auch in meinen Alpträumen. Fairer­weise muß man sagen, daß die Gujarati durchaus auch andere Gewürze wie Kreuz­kümmel oder Chili anwenden können, aber eben immer nur gemeinsam mit Zucker.  Seufz.

In Gujarat gibt es viele Restaurants, die im wesentlichen nur ein Menü anbeten: Thali, also (Metall)teller. Diese Lokale nennen sich gerne etwas hochtrabend “dining hall” und bieten billiges und reich­haltiges Essen für Beruf­stätige. Meist bekommt man ungefähr vier verschiedene Speisen, typischerweise einmal Linsen, einmal andere Hülsenfrüchte, einmal Kartoffeln und was der Markt jahreszeitlich bedingt eben noch hergibt; dazu kommen noch Reis und Brot. Die Zubereitungsart wechselt täglich, so daß man auch ohne Langweile zum Stamm­kunden werden kann. Dienst­bare Geister laufen durch die Halle, um alles nachzufüllen, denn man darf immer bis zur Sättigung essen. Ein solches Thali kostet typischer­weise weit unter einem Euro; Getränke außer Leitungs­wasser gibt es meist gar keine, und diese auf Massen­durchsatz angelegten Lokale tun sich auch meistens schwer, mir größere Mengen Tee aufzutreiben.

In den Dining Halls legen die Kellner nach, bis man nicht mehr kann.

Und so habe ich in den letzten Tagen gegessen: Gewöhn­lichen Linsen­brei (gezuckert), scharfen Kartoffel­curry (gezuckert), geschmorte Auberginen (gezuckert), würzige Schwarzaugen­bohnen (gezuckert), Kicher­erbsen in Zucker­sauce, trockene Kicher­erbsen (erfreulicher­weise ungezuckert) und ein sehr fruchtiges Gericht aus geschmorten Tomaten, das optisch ein bißchen italienisch wirkt, aber bis zur Sirup­grenze gezuckert ist. Es erinnert ein bißchen an das ebenfalls süße Tomaten­chutney aus Orissa, das ich in Gopalpur so gerne gegessen hatte, ist aber viel zuckriger und enthält kein Panch Phoron, dafür aber zugegebener­maßen ganz impressive halb­verkohlte Chilies.

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