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Etappe 13 – Modhera

Versteinerte und lebendige Götterbildnisse, psychedelisches Leuchten und non light snacks

nur 25 km von Patan entfernt steht ein bemerkens­werter Tempel: Der Sonnentempel von Modhera. Dieses spektakuläre Gebäude und alles, was damit zusammen­hängt, war mir einen Tages­ausflug wert und gibt auch genug Stoff für einen ganzen Brief.

Dem Sonnengott Surya gewidmete Tempel sind sehr selten. Der größte und beeindruckendste steht in Konark in Orissa, und angeblich gibt es in Kashmir einen dritten, aber der von Modhera ist jedenfalls der einzige im Westen Indiens. Mit etwa 1000 Jahren ist er etwas älter als der von Konark, hat aber ebenso wie sein großer Bruder an der Ostküste nur als Ruine überlebt. Allerdings ist er ziemlich herausgeputzt, und nur der fehlende Tempel­turm erinnert noch daran, daß hier vor 100 Jahren nur Trümmer lagen. 

Die Tanzhalle (mandapa) ist außen…

Betritt man das Tempel­areal, so kommt man zuerst einmal an einem Kund vorbei: Das ist eine Art künstlich angelegter, recht­eckiger Teich, der manchmal auch als ein Typ Stufen­brunnen interpretiert wird, weil von allen vier Seiten Stufen nach unten führen, was ein bisschen an ein Stadion erinnert. Dieser Surya Kund ist überall mit kleinen Schreinen geschmückt, in denen teilweise noch Kult­statuen erhalten sind.

… und innen reich verziert.

Am Westrand des Surya Kund schließt die Vorhalle des Tempels (mandapa) an. Wie der eigentliche Tempel ist sie außen und innen mit Skulturen und Reliefen verziert, die haup­tsächlich mythologische oder erotische Szenen zeigen. Auch der Haupt­tempel zeigt auf einem ringsum laufenden Fries Darstellungen aus dem täglichen Leben, darunter viele erotische; das Auge wird aber vor allem von den großen Götter­stauen auf den Außen­wänden in den Bann gezogen, darunter mehrere von Surya selbst, wie er den mit sieben Pferden bespannten Sonnenwagen lenkt.  Das säulen­verzierte Innere besticht mit vielen weiteren Reliefs und beherbergt im Zentrum den Raum für das allerdings nicht erhaltene Kult­bild, das (mit der rechten Hand innen) umwandelt werden kann. Ein tiefer schacht­artiger Raum darunter war angeblich einmal mit Gold gefüllt, so erzählte mir der Führer, aber das hätten die Moslems bei irgend­einer Gelegen­heit mitgenommen.

Verwirterte erotische Darstelltung 

Es ist kein Zufall, daß ich den Surya Mandir ausgerechnet heute besuche: Heute ist nämlich der dritte und letzte Tag des “Modhera dancing festival”, und bizarrer­weise war deshalb der Eintritt zum Tempel gratis (das freiwerdende Geld hatte ich dann in einen Führer investiert). Gegen Abend wurde das ganze Gelände psychedelisch beleuchtet und gab dann die Kulisse zu einem Ballett ab, bei dem junge Frauen in bunten Kostümen zum Klang traditioneller Live-Musik mythologische Stoffe vortanzten. Jede Episode wurde zuvor in Hindi (oder war es Gujarati?) angekündigt und vorgestellt, und davon hatte ich natürlich nichts; trotzdem ließ sich einiges erkennen und zuodnen.

Ich hatte mich bereits tagsüber gefragt, ob die Aber­hunderte von Stühlen am Abend wohl auch gebraucht würden, und meine Skepsis stieg, weil um sieben Uhr noch alles leer stand, während semi­professionelle Hörproben aus der ausge­zeichneten Sound-Anlage schallten und die nicht weniger funktionale Licht­technik kalibriert wurde. Sollte das ganze wirklich in einer leeren Arena statt­finden?  Das dann doch nicht. Offenbar war ich eben der einzige gewesen, der die Ankündgung „sieben Uhr“ ernst genommen hatte; aber um 7:30 began sich schlagartig alles zu füllen, und noch eine Viertel­stunde fing das Programm endlich an. Zu diesem Zeit­punkt hatte ich längst einen Sitz mit bester Sicht in Besitz genommen, denn die drei oder vier Gruppen von Ausländern wurden selbst­verständlich ohne viel Aufhebens in den VIP-Bereich geführt.

Effektvolle Beleuchtung in der Dämmerung

Die Aufführung zeigte dann alle Stärken, für die indischer Tanz berühmt ist: Musik, Farben Formen und Bewegung, wobei mein privilegierter Sitz mir deutlich zeigte, daß die Choreo­graphie selbst die kleinste Finger­bewegung penibel vorgab. Das Ensemble bestand aus geschätzt etwa 15 Tänzerinnen, von denen jedoch meist nur eine Handvoll zugleich auf der Bühne zu sehen war. 

Durga fährt in ihrem Streitwagen vor…

Die vorletzte Szene zeigte zufällig genau jene Episode, von der ich Dir in meinem letzten Brief aus Patan erzählt hatte und die auch in meinem Brief aus Tansen erwähnt wird: Den Kampf zwischen Durga und Mahisha, einem starken Asura (das ist eine Gruppe von Dämonen), der nur besiegt werden konnte, weil sich Durga für den Kampf Waffen von allen Göttern ausborgte. Wenn Du die bildliche Darstellung mit dem Tanz vergleichst, so fällt die strenge ikono­graphische Über­einstimmung auf: Der Löwe steht links, der Asura rechts (und blickt nach links), der Trishul zeigt im gleichen Winkel herab, und auch wenn das Ballett auf die vielen Arme der Göttin und auch auf den Wasser­büffel verzichten muß, so sorgt die Über­einstimmung in den Details dafür, daß der Zuseher die Szene sofort erkennt.

… und jetzt geht es Mahisha an den Kragen.
Zum Vergleich: Dieselbe Szene als Relief und Gemälde

Durch den verspäteten Beginn stellte sich die Frage, wie ich denn wieder nach Patan zurückkommen würde – um zehn Uhr abends verkehren garantiert keine Linien­busse mehr. Ich hatte allerdings bereits im Vorfeld in Erfahrung gebracht, daß ein Sonderbus nach Patan nach dem Ende der Veranstaltung abfahren würde, und nun hatte ich nur noch sicher­zustellen, daß der Busfahrer von der Verzögerung auch wußte (man weiß ja nie, und Vorsicht ist besser als Nachsicht). Alles klar, versicherte man mit, um zehn Uhr geht es los. Folglich war ich fünf vor zehn vor Ort, und fünf nach zehn setzte sich das Gefährt wirklich in Bewegung, mit satten drei Passagieren, denn die Massen begannen gerade erst, beim Tor herauszuströmen – der Fahrer hatte es wohl eilig und wollte rechtzeitig zum Abendessen daheim sein, allen betriebs­wirtschaftlichen Überlegungen zum Trotz.

Das bringt und ganz zwanglos zur Frage, wovon ich mich den langen Tag in Modhera denn so ernährt habe. Die beste Approximation an ein Restaurant im Tempel­bezirk war eine Bar mit Snacks, bei der ich mehrmals einfiel, nicht zuletzt auch, um mit dem Laptop die Bilder kritisch zu inspizieren und im Fall von kompletten Pleiten mal schnell eine Statue nochmals abzulichten. Zu essen gab es definitiv nicht viel; nach indischen Verhältnissen hätten sich die angeboteten Speisen gerade mal zu einem etwas herzhafteren Frühstück geeignet. Der Vorteil war, daß sie wenig gujaratisches Lokal­kolorit trugen und daher weit­gehend zucker­frei zubereitet waren. Andererseits war alles frittiert und daher nicht ganz light.

Puri mit Kartoffelcurry

Als Mittags­imbiß verzehrte ich Puri, das ist ungesäuertes Brot, das beim Frittieren eine Ballon­form annimmt. Es wurde mit einem Kartoffel­curry gereicht, der mit Chili, Kreuzkümmel und Curcuma gewürzt war; diese Kombination ist in vielen Teilen Nordindiens als Frühstück verbreitet, obwohl nach europäischen Maßstäben das fettige Puri am Morgen gänzlich ungeeignet ist. Tagsüber schmeckt es mir dagegen sehr gut, vorausgesetzt, man ißt es, solange es warm ist; nach dem Abkühlen wechselt es nämlich von knusprig nach zäh, und es scheint pötzlich auch viel fetter zu schmecken.

Methi no Gota

Zwischen Tempelbesichtigung und Tanzfest kam ich dann nochmals zurück und versuchte mich an Gota, das sind walnuß­große frittierte Bällchen, die hier mit einer süß–scharfen Sauce gereicht werden. Sie können aus verschiedenen Ausgangs­materialien her­ge­stellt sein: Alu Gota sind einfach eine Art frittiertes Kartoffel­püree, und Methi no Gata bestehen aus  Weizen­teig, der mit gehackten frischen Bockshornklee­blättern angereichert ist.

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