Suche

Etappe 9 – Tansen

Zerklüftete Gebirgstäler, eine dämonenschlachtende Dame und kunterbunte Nudeln

es ist mir endlich gelungen, aus dem faden Pokhara zu fliehen, und mich nach interessanteren und vor allem nepalischeren Gegenden aufzumachen. Eine gut vierstündige Fahrt über den Siddharta-Highway brachte mich durch ein bewaldetes, aber wild zerklüftetes Gebirge mit engen  Flußtälern, durch die sich eine serpentinenreiche Straße quälen muss. Das sah toll aus, war aber auch eine echte Beanspruchung der Magennerven. Dass sich die mitreisenden Nepali rund im mich hemmungslos ihrer Reisekrankheit hingaben, verbesserte natürlich den Zustand meines Magens nicht wirklich.

Fahrverbot!

Nach zweimaligem Umsteigen kam ich schließlich in Tansen an, einer traditionellen Newari-Kleinstadt im Gebirge. Den Grundplan der Stadt kannte ich bereits aus Gorkha: Am unteren Rand liegt der Busbahnhof mit der assoziierten Verkehrshölle, aber darüber ebbt der Verkehr rasch ab. Die eigentlich Innenstadt liegt höher am Hang und ist eigentlich verkehrsfrei, aber es gibt genügend Ausnahmeregelungen, so dass man dann doch alle paar Minuten einem Auto begegnet.

Nicht heilig, aber trotzdem in Massen anzutreffen

Dieses Gebirge ist eigentlich noch gar nicht der echte Himalaya, sondern ein Vorgebirge, das auch Mahabharat-Kette oder Kleiner Himalaya genannt wird; es liegt zwischen der Tarai-Tiefebene und dem Hohen Himalaya. Die letzten Destinationen waren alle in den Tälern zwischen den beiden Gebirgen angesiedelt. Nirgendwo habe ich die Mahabhatat-Kette allerdings so eindrucksvoll erlebt wie hier am Siddharta-Highway, der das Gebirge in Nord–Süd-Richtung durchquert.

Die Innenstadt besteht aus labyrinthartigen, verschlungenen Wegen mit hohem Verirrungspotential, auch wenn sie nur ein paar hundert Meter im Duchmesser misst. Die Straßen sind mit groben Steinen gepflastert und von mehrstöckigen Newari-Häusern mit den typischen Holzbalkonen gesäumt, auch wenn ein Großteil davon bereits Stahlbeton-Neubauten weichen mußte. Ein paar Tempel stehen auch herum, und bei klarerem Wetter könnte man die Fernsicht bewundern.

Ein paar Figuren im Amar-Narayan-Tempel

Der schönste Tempel des Ortes ist zweifellos der Amar-Narayan-Tempel; „amara“ heißt im Sanskrit „unsterblich“, und „narayana“ läßt sich als „der im Wasser wohnt“ interpretieren; es ist ein Aspekt Vishnus, der besonders mit dem Menschen befasst ist und der oft als Paar Nara–Narayana auftaucht („nara“ bedeutet sowohl „Wasser“ als auch „Mensch“). Die Freundschaft zwischen dem Gott Narayana und dem symbolischen Menschen Nara ist das Thema vieler in das Mahabharata-Epos einegtreuten Erzählungen, die Krishna (selbst eine Inkarnation Vishnus) seinem menschlichen Freund Arjuna zur Belehrung vorträgt.

Der Bhagawati-Tempel…

Der dreistöckige Amara-Narayan-Tempel liegt auf einem Hang und zeigt reinen Newari-Stil; er bietet einen phänomenalen Anblick, besonders, wenn man eines der nahegelegenen Wohnhäuser erklimmt und von diesem erhöhten Standpunkt aus die Stromleitungen aus dem Bild hinausperspektiviert. Als ich ihn das erste Mal besuchte, war gerade eine Hochzeitsvorbereitung im Gange, aber als nach einer Stunde der Bräutigam immer noch unverändert im Wagen saß und von der Braut nichts zu sehen war, gab ich das Warten auf.

Recht sehenswert ist auch der der Durga geweihte Bhagavatisthan-Tempel mit einem eindrucksvollen Fresko, daß die vielarmige und löwenreitende Göttin beim Kampf mit einem Dämonen zeigt, den sie mit dem „trishula“ aufspießt. Die Kriegergöttin Durga ist ja (ebenso wie Kali) ein Aspekt Parvatis, der Frau Shivas, dessen Dreizack sie sich extra für diesen Kampf ausgeborgt hat.

… und hier sieht man die Dame beim Dämonenschlachten

Die Umgebung von Tansen besteht aus bewaldeten Hügeln, die bei besserem Wetter zum Spazierengehen einladen würden; ich hatte einen strahlend blauen Tag, den ich für die Stadtbesichtigung nutzte, und danach war es immer wechselnd bewölkt. Naja, alles kann man eben nicht haben, und ich bin zufrieden genug.

Auch kulinarisch bot Tansen einen freudigen Schock: Es gibt wieder Newari-Essen!  Ich bekam choila, sogar in einer Hühnervariante, die sehr schmackhaft wenngleich durch die Knochen irritierend knusprig war. Angeblich gibt es auch pork choila, aber die habe ich nicht bekommen, obwohl mindestens ebensoviele Borstentiere wie Heilige Kühe die Müllhäufen am Straßenrand nach Essbarem absuchen.

Hühner-Choila

Sonst hatte ich den üblichen Salat aus gekochten Kichererbsen, Erbsen oder Kartoffeln, und als neue Newari-Speise lernte ich chukauni kennen, einen pikanten Joghurt-Salat mit gekochten Kartoffeln. Das schmeckte recht ähnlich wie nordindischer rayta, aber durch den großzügig beigefügten grünen Chili und die Zwiebelringe erfreulich scharf. Das getrocknete Büffelfleisch sukuti hatte ich ja bereits im Ausbackteig frittiert in Kathmandu kennengelernt; hier wurde es auch pur serviert und schmeckte ganz ausgezeichnet. Das Fleisch wird in feine Streifen geschnitten und mit Gewürzen mariniert getrocknet, ähnlich wie türkisches pastırma.

Bunte Nudeln frittiert

Auf den Märkten der Stadt entdeckte ich etwas, was zunächst einmal wie die üblichen zu Nestern geformten chinesischen Suppennudeln aussah; allerdings waren diese jhimiya knallbunt gefärbt. Auf meine Frage, wozu denn das diene, erklärte man mir, daß sie nicht etwa gekocht, sondern frittiert und anschließend als Snack gegessen werden. In der Tat schmeckten sie gut zu chicken choila (ein bißchen knusprig wie Hummerchips), aber was hätte das nicht getan?

Da das Wetter nicht so aussieht, als ob es in absehbarer Zeit Fernsicht erlauben würde, ziehe ich mich morgen nach Lumbini in die heiße Tarai-Ebene zurück. Dort, am Geburtsort des Buddha Shakyamuni,kann man internationales buddhistisches Flair genießen.

Schreibe einen Kommentar