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Etappe 12 – Ranakpur

Tausend Marmorsäulen, aus der Hüfte geschossene Bilder und ein pikantes Chili-Chutney

Ranakpur ist irgendwie etwas Außergewöhnliches. Es ist keine Stadt, nicht einmal ein Dorf, sondern der Name bezieht sich wirklich nur auf einen mitten inn der Wildnis stehenden Tempel, das ange­schlossene Verwaltungs­gebäude und die Bus­station mit einer Tee-und-Snack-Bude. Das ganze liegt im bergigen Süden Rajasthans, nördlich von Udaipur, und außerdem ziemlich am Ende der Welt. Die karge Hügel­landschaft ist zwar besiedelt, aber meistens sieht man nur einzelne Lehm-und-Stein­hütten, deren Bewohner ertrag­armen Acker­bau versuchen und den größten Teil des Tages mit dem Suchen nach Feuer­holz beschäftigt zu sein scheinen.

Haus nahe Ranakpur

Etwa drei Kilometer nördlich des Tempels findet man dann tat­sächlich eine An­sammlung von Hotels, leider nicht unbedingt der billigen Art, und noch ein paar Kilo­meter entfernt steht ein größeres Dorf. Insgesamt bleibt aber der Ein­druck weit­gehender Abge­schiedenheit, der das Wunder des Ranakpur-Tempels umso erstaunlicher macht.

Der Ranakpur-Haupttempel von außen

Der Tempel gehört zu den vier Haupt­heiligtümern der Jains, einer nur in Indien und vor allem im Nord­westen verbreiteten Religions­gruppe, deren nur etwa 20 Millionen Mitglieder typischerweise die höheren Ebenen der indischen Gesell­schaft besetzen: Die Jains bewerten Bildung sehr hoch und betätigen sich über-wiegend als Händler, da es ihnen absolut verboten ist, Leben zu zerstören; und welchen hand­werklichen oder bäuerlichen Beruf gibt es schon, bei dem nicht gelegentlich ein Wurm oder eine Mücke daran glauben muß?

Eingang zum Haupttempel (geweiht dem Adinath)

Der Jainismus wurde von Mahavir (dem „großen Helden“) gegründet, der wahr­scheinlich ganz knapp vor dem Buddha gelebt hat. Nach Meinung der westlich-analytischen Relions­wissenschafter ent­sprangen beide Reliogionen dem­selben Bedürfnis, dem zu dieser Zeit in ausufernden Ritualen erstarrten Hinduismus („Brahmanis­mus“) eine Antit­hese in Form einer auf persönliche Erlösung bezogenen Lehre entgegen­zuhalten. Das würde die Ähnlich­keiten zwischen den beiden Doktrinen, vor allem in praktischer Hinsicht, ganz gut erklären; allerdings behauptete Mahavir, daß er der vierund­zwanzigste und letzte Jain-Lehrer (Tirthankar oder Furtbereiter) sei; sein Vorgänger Parshva­nath läßt sich noch historisch fassen, während alle früheren Tirthankaras fürs erste legendär bleiben. Der zeitliche Abstand zwischen Parshva­nath und Mahavir von ungefähr zwei Jahr­hunderten ergäbe für den ersten Furtbereiter, Adinath, ein Datum irgendwo in der frühen bis mittleren Industalzeit, weit vor der Ein­wanderung der Arier. Die westliche Religions­wissenschaft leht die These eines prä-arischen Jainismus einhellig ab, aber den gläubigen Jain kümmert das nicht viel.

Säulen im Adinath-Tempel…

Die Ähnlichkeiten zwischen Jainismus und Buddhismus (vor allem in der Theravada-Variante) sind trotz eines verschiedenen theologischen Unterbaus ganz beträchtlich. Beide legen Wert auf persönliche Lebensführung, Meditation und Mönchstum zur Erlangung von Nirvana, dem Ende aus dem ewigen Kreis der Wiedergeburten, der – obwohl die Quelle allen Lebens – doch als negativ bewertet wird. Der Jainismus ist allerdings konsequenter, insbesondere im Gebot der Gewaltfreiheit (ahimsa), und da er nie aus Indien exportiert wurde, hat er auch nicht vom fremden Religionen in sich aufgenommen – allerdings behaupten konservative Jains, so ziemlich jede Religion habe im Lauf der letzten fünftausend Jahre vom Jainismus profitiert.

…und mehr.

Nach all diesen Vorbemerkungen nun zum Tempel, dessen über tausend Marmorsäulen (jede mit individueller Ausarbeitung) vom Reichtum der Jains zeugen. Durch die zahlreichen Berufsverbote auf Basis des „ahimsa“ blieb den Jains ja nicht viel anderes übrig, als Händler zu werden, und das bringt speziel zu diesen Zeiten mehr Einkommen als das produzierende Gewerbe. In einer nach Religionszugehigkeit gegliederten Tabelle des Wohlstandes und der Bildung nehmen die Jains nach den zahlenmäßig insignifikanten Parsen den zweiten Platz ein. Sieht man die Ranakpur-Tempel, dann glaubt man das gerne.

Der Wächter (links) passt auf, dass niemand Adinath (rechts) photographiert

Während die Vormittage den Gläubigen vorbehalten sind, darf nach­mittags jeder­mann und jede Frau die Tempel betreten. Es gibt vier kleinere und einen riesen­großen Tempel; letzterer ist Adinath, dem Ersten Furt­bereiter gewidmet, und für ihn muß ein Photo Permit erstanden werden; trotzdem wachen etliche Uniformierte mit Trillerpfeife penibel darüber, daß niemand die Kult­bilder von Adinath und anderen Tirthankaras auf JPG bannt. Aber das Sehens­werte sind ohnehin die Säulen, die Kuppeln und die elegant dekorierten Wände; Adinath wird eigentlich nur wegen der Herausforderung interessant, unauffällig aus der Hüfte mit hoher Brennweite quer durch den Tempel zu schießen.

Kuppel

Wenn ich von Touristen spreche, so sind wie auch letztes Mal in Chittaur vor allem Inder gemeint; nur wenige Ausländer tun sich die lange Fahrt an und kommen meist von Udaipur auf einem Tagesausflug hierher. Jene, die kommen, sind aber alle überwältigt von ener geradezu barocken Baukunst, in der fein bearbeiteter Marmor und vor allem der Lichteinfall die wesentlichen Elemente bilden. Der ungefähr kreuzförmig angelegte Tempel hat vier Innenhöfe, durch die die Sonne Licht auf die Säulen mit ihrem Dekor aus Figuren, Blättern und geometrischen Ornamenten liefert und dem Marmor interessante Farbschattierungen abgewinnen kann.

Kulinarisch kann Ranakpur leider nicht so recht punkten. In meinem Hotel (dessen Manager beim Zimmerpreis sehr mit sich handeln ließ) ist das Essen ebenso teuer wie fade, und sonst gibt es nur verschiedene Snackbuden, die nichts außer Pakora und einem zugegebenermaßen sehr interessanten Chili-Chutney anbieten. Letzteres besteht im wesentlichen nur aus in Öl angedünsteten Chilischoten und bietet die perfekte Begleitung zu einem Krug Schwarztee und einigen staubtrocknenen Pakora-Stücken aus Kichererbsenteig mit ein paar hineingemischten Spinatblättern.

Menü in der Pilger-Speisehalle

Trotzdem sind einige Bemerkungen über die Jain-Küche angebracht. Wahrscheinlich waren die Jains die ersten Vegetarier Indiens, deren Einfluß auf Hindus und Buddhisten den Subkontinent bis heute zu einer fleischarmen Zone gemacht hat; die frühen Hindu-Quellen geben keine besonderen Hinweise darauf, daß Fleischkonsum verboten oder auch nur unerwünscht gewesen wäre, lediglich die Heiligen Kühe genossen weitgehenden aber nicht ausschließlichen Schutz, da sie über Opferzeremonien doch noch den Weg in den Kochtopf fanden. Jains sind jedoch bis heute die konsequentesten Vegetarier: Sie verweigern auch wurmbefallenes Obst und filtern ihr Wasser, wobei der Filterinhalt fürsorglich in den Brunnen zurückgekippt wird. Außerdem akzeptieren sie keine Wurzelgemüse, weil einerseits beim Ernten Bodenlebewesen geschädigt und andererseits die Pflanzen bei der Ernte getötet werden; lediglich Ingwer ist davon ausgenommen, weil nur ein Teil des Wurzelstockes geerntet wird und die Pflanze sich daher wieder erholen kann.

Pilgerhalle

Wie das in der Praxis funktioniert, konnte ich in der Kantine des Tempels sehen, wo einfache Jain-Speisen recht günstig vorwiegend an Pilger angegeben werden: Ein einfaches Dal, zwei mäßig scharfe Curries und ein Klecks Mango-Pickle, dazu eine fast ungenießbar süße Nachspeise auf Basis von Gries und Cardamom.

Ich werde noch einen Tag länger hierbleiben, denn in der Nähe steht eine noch abgelegenere und unbekantere Sehenswürdigkeit: Das Fort von Kumbhalgarh, das ich (wenn Adinath mir nicht zürnt) in einem langen Tagesausflug morgen besuchen will.

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