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Etappe 9 – Jankapur

Hitzefreudige Moskitos, eine anachronistische Eisenbahn und eine halbe Heugabel indischer Lorbeerblätter

mit Janakpur besuche ich nun die erste Stadt in Nepal. Die 1-Lakh-Ansiedlung (=100.000 EW) liegt im Tarai, nur ein paar Kilometer von der indischen Grenze entfernt, und ist ein bei Indern und Nepalesen gleichermaßen beliebter Wallfahrtsort. Hier soll nämlich Sita (eine Inkarnation der Göttin Lakshmi) geboren sein, von deren Abenteuern das Epos Ramayana berichtet.

Hier die Handlung in Kurzform: Sita, die schönste Frau der Welt, wird ihrem Gatten Rama (dem größten Helden der Welt) entführt und nach Sri Lanka verschleppt, und zwar von Ravana, dem bösesten Dämon der Welt. Rama ist aber eine Inkarnation Vishnus und nur deshalb in die Welt gekommen, um Ravana zu besiegen. Folglich trommelt er eine Armee zusammen, und mit Unterstützung des Affenkönigs Hanuman (dem loyalsten Krieger der Welt) nimmt er den Kampf auf und befreit Sita. Nach ihrem Adoptvvater Janaka, dem König des Reiches Mithila, wird Sita auch Janaki genannt.

Der Innenraum des Janaki Mandir

Ein riesiger weißer Marmortempel, der Janaki Mandir, steht in der Mitte der verwinkelten Altstadt. Er wurde erst im 20. Jahrhundert errichtet, und zwar im Rajputen-Stil, weswegen er von außen wie ein Palast in Rajasthan wirkt. Im Innenhof des weißen Gebäudekarrees steht dann der eigentlich Tempel mit dem erstaunlich kleinen Heiligtum und einigen Statuen von Sita und ihrem Adoptivvater. Gleich schließend findet man einen zweiten Tempel namens Rama Janaki Vivaha Mandapa mit den für den Newari-Stil typischen Pagodendächern, der angeblich den Ort markiert, an de Rama und Sita sich dereinstens vermählten. Überall in der Stadt stößt man auf heilige Seen, die offenbar hervorragende Lebensbedingungen für Moskitos bieten.

Prozession

Die Moskitos sind aber das kleinere Problem, denn die Hitze übertrifft alles, was ich in Südindien erlebt habe. Knapp vor Sonnenaufgang hat es im Hotelzimmer trotz der offenen Fenster satte 37 Grad, und bei Tag wird die 45-Grad-Marke schon mal übertroffen. Ich bin am ganzen Körper mit Hitzepusteln übersät, die jetzt langsam abheilen, nachdem mir ein hilfreicher Nepali empfohlen hatte, mich mehrmals täglich einzupudern. Obwohl seit einem Monat Monsun herrschen sollte, regnet es nur sporadisch, und die heiße Jahreszeit ist sozusagen einer superheißen gewichen.

Bei der Besichtigung von Kuva schrie eine Horde Kinder plötzlich „Hathi“ und zerrte mich vor dieses Haus

Die Menschen hier gehören einer ethnischen Minderheit, den Mithila, an und haben nicht Nepali, sondern Maithili zur Muttersprache. Leider spielt das Maithili in Schule und offiziellem Schriftverkehr keine Rolle, und bei meinem Versuch, Gewürznamen in Maithili zu recherchieren, stieß ich auf weitgehendes Unverständnis, denn die Sprache wird kaum jemals geschrieben. Unglaublich, daß Maithili bis ins 19. Jahrhundert eine Literatursprache mit eigenem Alphabet war, das dann allerdings unter die Dominanz von Hindi bzw. Nepali geriet und heute nur noch als ländlicher Dialekt in Nepal und Bihar besteht.

Kartoffelcurry

Die Mithila-Dörfer rund um Janakpur lohnen einen Besuch. Die Häuser sind mit Malereien, oft Pflanzen – oder Tierdarstellungen, geschmückt, die ausschließlich von Frauen geschaffen werden. Im nur einen Kilometer entfernten Dorf Kuva kam ich gerade recht zur Vorbereitung eines Tempelfestes, zu dem im Tempelhof kräuftig aufgekocht wurde. Dabei konnte ich sehen, wie in einer riesigen Pfanne erst ein paar Handvoll Kreuzkümmel, danach eine halbe Heugabel indischer Lorbeerblätter und zuletzt Zwiebel und Knoblauch angebraten wurden, ehe ein paar Kilogramm Kartoffeln dazukamen und weichgedünstet wurden. Das schmeckte wahrscheinlich besser als in den Restaurants in Janakpur.

Die 2. Klasse 1 Stunde vor Abfahrt – noch leer

Eine besondere Sehenswürdigkeit ist der Zug, der dreimal täglich auf 76-cm-Schmalspurgleisen von Janakpur nach Jaynagar in Indien verkehrt. Diese nur 30 km lange Bahnverbindung ist die einzige Eisenbahnlinie Nepals, und ihr anachronistischer Charakter steht in unsagbarem Gegensatz zur modernen Eisenbahn-Infrastruktur Indiens: Die uralten, mit rohen Holzpritschen möblierten Wagons, an deren Außenseiten Fahrräder aufgehängt sind und die bis zu den Trittbrettern und Dächern proppenvoll mit Passagieren gefüllt sind, erinnern wirklich an das klassische Indienbild, wie man es aus in der Kolonialzeit spielenden Filmen kennt. Die Leute sitzen sogar an den Trittbrettern und zwischen den Scheinwerfern der Dieselloks, wenn sie dort einen Platz ergattern können. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich für die Erste Klasse entschieden, wo zumindest kein so brutales Gedränge herrscht.

Ziemlich voller Zug…

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt durch idyllische Reisfelder, die von keiner Straße durchschnitten werden, erreichte ich Khajuri, wo Ausländer den Zug verlassen müssen, denn der Grenzübertritt ist nur Indern und Nepalesen gestattet.  Ich mußte auf den Zug zurück warten, denn Khajuri ist eigentlich nur ein Bahnhof ohne Straßenanbindung mit einer Menge Imbißbuden für die wartenden Passagiere. Den langen Aufenthalt (der durch eine zweistündige Verspätung des Rückzuges beträchtlich verlängert wurde) nutzte ich zu einem Spaziergang durch das Mithila-Dorf Uddhi und zu einer Besichtigung des nahen aber offenbar verlassenen Bahn-Betriebsgeländes, wo eigentlich wunderschöne alte Dampflokomotiven traurig vor sich hinrosten. Schade!

… notfalls sitzt man eben auf der Lok.

Beim Essen wiederholte sich generell das Debakel der vergangenen Wochen: Täglich dalbhat mit immer wieder ähnlichen Gemüsecurries, die allenfalls durch ein Mango-Pickle einen geschmacklichen İ-Punkt erlangen. In meinem bevorzugten Restaurant gibt es immerhin einen sehr wohl schmeckenden Hühnercurry mit dicker, gehaltvoller Sauce. Die Gemüsecurries sind aber nur leicht gewürzt, und oft erkennt man den aromatischen Fingerabdruck der Gewürzmischung Panch Phoron. Diese für Nordostindien, besonders Bengalen, typische Mischung besteht aus fünf ungemahlenen Gewürzen, in der hiesigen Version sind das Bockshornklee, Kreuzkümmel, Schwarzkümmel/Nigella, Fenchel und Ajowan. Sonst bekommt man die üblichen Snacks wie Pakora und Samosa auf der Straße, oder kann sich in den Süßigkeitenläden an ras malai delektieren.

Auch Fahrradmitnahme ist möglich.

A propos Debakel: Als ich gestern ausgecheckt und mit allem Gepäck beladen bei Verkaufsschaltern für die Nachtbusse nach Kathmandu auftauchte, eröffnete man mir, daß heute – wieder einmal – gestreikt wird. Ziemlich wütend marschierte ich ins Hotel zurück, wo mir der Manager aus Mitleid 50 Rs auf den Zimmerpreis nachließ. Heute soll es aber wirklich weitergehen, und deshalb melde ich mich nächste Woche aus der Hauptstadt Nepals, die unter anderem für ihre kulinarischen Verlockungen bekannt ist.

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