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Etappe 6 – Tirupati

Tirupati – Pilgerströme, der Mann vom Berg und ein Bad in Sirup

ich schreibe noch einen kurzen Brief aus Andhra Pradesh, ehe ich unwiderruflich nach Tamil Nadu weiterziehe. Mein aktueller Aufenthaltsort ist Tirupati, ein etwas bizarrer Ort, wie er wohl nur in Indien existieren kann.

Trotz einer ansehnlicher Größe von einer Lakh ist Tirupati im wesentlichen nur der „irdische Anker“ für den Tempel von Tirumala, der zusammen mit ein paar Pilgerheimen und anderer essentieller Infrastruktur auf dem Hügel von Venkata etwa 20 km weiter steht. Tirupatis Busstation läßt die von Hyderabad wie einen Zwerg aussehen, auch der Bahnhof ist riesig, und eine Flotte von lokalen Bussen erklimmt ständig den Tempelberg. Und das ist auch alles notwendig, denn mit täglich zwischen zehn- und hunderttausend Pilgern ist Tirumala vieleicht der meistfrequentierte Pilgerort der Welt, noch vor Jerusalem, Rom oder Mekka.

Eingang zum Tempel von Tirumala

Die Leute pilgern hierher, um einen Blick auf das Kultbild des Herrn des Venkata-Hügels, Sri Venkateshvara, zu werfen. Diese Inkarnation Vishnus wird zwar nicht zu den „Großen Neun“ gezählt (und gilt manchen auch nur als eine „Sub-Inkarnation“ Krishnas), aber im gegenwärtigen „Kali Yuga“, der Ära der Sündhaftigkeit, kommt ihr eine besondere Bedeutung zu: Sri Venkateshvara vergibt die Sünden, und dazu reicht es, einen Blick auf die Statue im Tempel von Tirumala zu werfen. Und jetzt mal ehrlich: Das ist doch für jeden ein gutes Angebot, auch wenn man dafür acht Stunden in der Schlange stehen muß.

Elefanten mit dem Zeichen von Venkateshvara auf der Stirn

Für Touris geht es vishnuseidank einfacher. Wenn man erst einmal seine Kamera im „cloack room“ (sic!) und seine Beinbekleidung im „shoe keeping center“ abgegeben hat, dann kann man sich im „Vaikuntam Q Complex“ gegen 100 Rs ein „cellar VIP ticket“ besorgen, und das trägt seinen Namen zu Recht: Man taucht in den Keller des „Vaikuntam Q Complex“ ab und erscheint wieder im Keller des Sri-Venkateshvara-Tempels, womit sich die Wartezeit auf ca. 30 Minuten verkürzt. Selbst nach dieser kurze Zeit war ich ziemlich streichfähig: Es zieht schon ziemlich den Nerv, in Socken durch schlammige Pfützen zu waten, und das alles in einem Gedränge und Geschiebe, das an eine dichteste Kugelpackung erinnert, wobei Inder ja bekanntlich jeglichen Körperkontakt als erfreuliche Abwechslung im Einerlei des Wartens empfinden.

Prozession eines Venkateshvara-Kultbildes

Also wurde ich in der Schlange weitergedrängt und kam schließlich nach endlosen Korridoren und Serpentinen durch das Tempeltor, quälte mich durch den Tempelhof und erreichte schließlich einen messingverzierten Pavillion, von dem aus ich etwa eine halbe Minute lang einen Blick auf die 30 m entfernte Statue des „Herrn, der die Sünden hinwegnimmt“ erhaschen konnte, bevor ich von den Nachfolgenden aus der Sichtlinie geschoben wurde. Danach gab es noch ein prasad aus einem süßen Sesamladdu, das mit einer Unmenge Kardamom gewürzt war und leider beim Essen stark krümelte. Das war insofern unangenehm, als der Boden ständig mit Wasser gespült wurde, in dem sich alle Krümel der Vorgänger auflösten – folglich mußte ich durch so eine Art Sirup waten. Meine klebrigen Socken habe ich daraufhin in ein Eck geworfen, wo sie wohl heute noch liegen.

Das Kultbild Sri Ventateshvaras (in der Mitte)

Nach diesem sündenbefreienden Erlebnis hatte ich noch eine zweite Begenung mit dem Herrn des Hügels: In einem äußeren Bereich des Tempels, wo man photographieren durfte, beobachtete ich eine Prozession, in der eine beleuchtete goldglänzende Statue Venkateshvaras hinter zwei Elefanten und vor dem notwendigen Diesel-Generator durch die Tempelstraße geschoben wurde. Dazu eine Riesenmenge singender Hindus und der Geruch von Räucherstabchen – ja, so ist Indien.

Auch in Tirupati gibt es einige Tempel, darunter den sehenswerten Govinda-Raja-Tempel. Der Weg durch das Tempeltor (das von einem weißen Turm gekrönt wird) führt durch einen kleinen Devotionalien-Markt, wo der Pilger unter anderm mit Basilikum und Studentenblumen geschmückte Kokosnüsse als Opfergaben erwerden kann. Im Allerheiligsten kann man dann ein paar Bilder von Krishna und seiner Familie sehen, bevor man von den Tempelbrahmanen gegen ein paar Rupien ein paar Basilikumzweige erhält, die man dann zu kauen hat – ein ebenso aromatisches wie angenehmes Erlebnis.

Käufliche Opfergaben im Govinda-Raja-Tempel

Womit wir wieder beim Eßbaren wären. Laß es mich kurz machen: Andhra-Küche auf mittlerweile gewohntem Niveau. Besonders bemerkenswert waren ein fruchtig-saures Tomatenchutney (mit kanonischer Chili-Menge), morgendliche idlis nicht mit weißem sondern mit rotem Kokos-Chutney (Farbe kommt ebenfalls von kanonischen Chili-Mengen) und natürlich wie immer der rasam, eine dünne Brühe aus Gemüse und Gewürzen (mit mehr Tamarinde als Chili). Dazu gab es als Kontrastprogramm trocken in Fett gebratenes Gemüse mit intensiven Röstaromen, gewürzt auf tamilische Art mit Senfsamen und Curryblättern. Ich werde die Andhra-Küche in Zukunft wohl vermissen!

Abschiedsessen in Tirupati, auf südindische Art auf dem Bananenblatt serviert

A propos „Zukunft“: Nach einem Blick auf den Kalender habe ich mich entschieden, das touristisch ohnehin nicht allzu interessante Chennai auszulassen und gleich zu den kulturellen Sehenswürdigkeiten in Tamil Nadu weiterzuziehen. Nächstes Mal melde ich mich also aus Mamallapuram.

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