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Etappe 9 – Fikkal

Fikkal – Duftige Tees, nebelverhangene Berge und idyllische Rückständigkeit

ich mußte dann doch zwei Tage länger als erwartet in Ilam ausharren, weil aus unerklärten Gründen die Busfahrer streikten. Daher komme ich mit Verspätung nach Fikkal, einem Ort, von dem Du wahrscheinlich nur dann gehört hast, wenn Du beim selben Teehändler wie ich einkaufst, denn gerade Tee aus Fikkal ist häufig in seiner Nepal-Auslese zu finden. Ich erkannte den Namen des Ortes auf der Durchfahrt nach Ilam, und faßte sofort den Entschluß,  hier ein paar Tage zu verweilen.

Markt in Fikkal

Hier, rund im Fikkal und Ilam, liegt nämlich das Zentrum des nepalischen Teeanbau. Die Qualität schwankt natürlich, aber selbst die billigsten Restaurants bieten Tee, der zwar lächerlich dünn aufgebrüht ist aber doch mehr Aroma hat als alles, was Du in einem deutschen Supermarkt als „Darjeeling“ kaufen kannst (typischerweise 90% Ceylon und 10% Darjeeling-Teestaub, und das ist sogar ganz legal). Am Straßenrand gbt es hier zahlreiche kleine Läden, die lokale Produkte wie den steinharten Yakkäse „churpi“ oder Tee vorwiegend an Touristen verkaufen; was die machen, wenn ich abgefahren bin, kann ich allerdings nicht sagen (wahrscheinlich warten sie drei Wochen auf den nächsten Touristen).

Carrom-spielende Kinder

In Fikkal wird Tee von kleinen Teebauern produziert, die sich auf hohe Qualitäten und kleine Auflagen spezialisiert haben. Die Tees können sich wirklich sehen lassen: Was man hier in den Souvenierläden am Straßenrand angeboten bekommt, hat hellen Aufguß, wenig Körper, kaum Bitterkeit aber ein massives, duftiges Bouquet, das einem guten Darjeeling um nichts nachsteht. Die Spitzentees, die natürlich in den Export gehen, gehören zu den besten Schwarztees, die ich je getrunken habe und schmecken einfach nur phänomenal. Diese Tees sind hochduftig und haben sogar einen Hauch von Körper, oft mit etwas malzigen oder süßen Noten. Na, was beschreibe ich Dir das, Du hast solches Material bei mir ja oft genug getrunken.

Vom Tee gebänderte  Berge

Die große Teefabrik am Ortsrand straft die Bezeichnung „Nepal Small Tea Producers“ Lügen, aber (wie man mir erklärt) sei der 20 Jahre alte Name eben mittlerweile ein Anachronismus, da sich das Teegeschäft so gut entwickle. Man kann sich von einem nicht des Englischen kundigen Führer durch die Räume führen lassen, wo der Tee erst welkt, dann gerollt wird, fermentiert und schließlich getrocknet wird. Die Verpackung erfolgt mit der Hand, die Leute schaufeln den duftigen Tee dazu einfach in Säcke wie bei uns Grünschnitt.

Der fertige Tee wird verpackt

Die Teeproduktion ist hier immer noch recht kleinräumig organisiert: Die einzenen Produzenten haben nur kleine Gärten, deren Ernte von einem Teamaster ihres Vertrauens (oder dem Eigentümer) in der Fabrik verarbeitet wird. Die Fermentierung ist ja der Schritt, in dem Geschmack entsteht, und dabei ist alles zu gewinnen (oder zu verlieren). Die Ernte eines Tages (oder Halbtages) wird in einem Arbeitsgang gewelkt, gerollt, fermentiert und getrocknet, so daß am Ende der Saisons eine große Anzahl verschiedener „Tagesgänge“ vorliegen, von denen die am besten gelungenen vielleicht bei meinem Teehändler auftauchen.

Teefrüchte

Die Gärten liegen rund um Fikkal herum, und sie sind auf die übliche Art enspannend-grün und verbreiten mit ihrem präzise knie- bis hüfthohem Schnitte einen Hauch der Atmosphäre eines englischen Gartens.  Man kann durch die Gärten spazieren und dabei enttäuschte Blicke zu den nebelverhangenen Bergen werfen, aber andere Aktivitäten stehen in Fikkal nicht zur Disposition. Außer am Freitag, wenn ein bunter Markt abgehalten wird, der zumindest ein paar interessante Photomotive bietet.

Teepflückerin

Der Reiseführer warnt vor Reisen in die Region von Ilam und Fikkal, da es immer wieder zu Anschlägen der maoistischen Rebellen kam, die manchmal auch mit Straßenblockaden Reisende ausrauben und sich dabei über den „jährlichen Touristen“ entsprechend freuten (angeblich bekamen manche sogar eine Rechnung ausgestellt, in der das erpreßte Geld als „Spende“ ausgewiesen war; das soll man dann wohl von der Steuer absetzen). Seit dem erzwungenen Rücktritt des Königs und den Wahlen im Vorjahr hat sich die Lage aber völlig entspannt, da die Maoisten nun die stimmenstärkste politische Partei des Landes sind: Aus den Kriegern wurden so politische Akteure, die sich hervoragend in den bestehenden Reigen aus unfähigen Politikern mit jährlichen Regierungswechseln einpassen.

Ochsengesapnn im Tarai

Das Essen ist hier ähnlich strukturiert wie im benachbarten Ilam: dal bhat tarkari, Linsen und Reis mit Gemüsecurries, die fast überall gleich schmecken. In den etwas besseren Restaurants bekommt man auch „non-veg“ als optionalen Zusatz zum dalbhat. Wie oft im indischen Subkontinent sind die Fleischspeisen mit mehr Aufwand zubereitet, und die Lamm- oder Hühnercurries haben eine dicke, dunkelbraune Sauce mit vollem, aromatischem Geschmack nach gerösteten Zwiebeln, Ingwer und schwarzem Cardamom. Diese Sauce, eigentlich die Schmorflüssigkeit, ist meist auch das Beste am ganzen Curry, denn die Fleischqualität zeugt von schweren Hungersnöten unter den Nutztierpopulationen.

Reisfelder im Nassanbau

Von Fikkal fuhr ich dann nach Birtamod, meinem Ausgangspunkt für die Reise in die Hügel nach Ilam und Fikkal. Birtamod liegt im südlichsten Teil Nepals, dem Tarai: Diese komplett flache Ebene ist eigentlich nur der Nordrand der nordindischen Tiefebene. Hier ist es geradezu schmerzhaft heiß, aber mein Wunsch, rasch wegzukommen, ließ sich leider nicht erfüllen: Es wurde nämlich wieder einmal gestreikt, und die Straße war deshalb gesperrt (ich frage mich, was „Streik“ hier eigentlich wirklich bedeutet: Sitzblockade?). Also fuhr ich ein bißchen in der Umgebung herum, sah mir einen Teegarten im Flachland an und spazierte durch das für diese Region typische Flickwerk aus kleinen Reisfeldern, in denen man alle Phasen des Nass-Reisanbaus auf engstem Raum gleichzeitig sehen kann. Bewirtschaftet wird mit Wasserbüffeln, und als Zugtiere sind auch Höckerrinder im Einsatz. Diese gemusterte Landschaft mit ihren kleinen, traditionellen Dörfern vermittelt das Gefühl von idyllischer Rückständigkeit.

Nächste Woche bin ich dann in der Tempelstadt Janakpur.

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