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Etappe 7 – Kanchipuram

Ein Bulle unter der Joghurtdusche, ein 1300 Jahre alter chinesischer Mönch und eine Ode an die Mango

vielleicht findest Du das schon etwas eintönig: Gut die Hälfte meiner Reiseziele sind mit Tempeln gespickt. Zu meiner Rechtfertigung kann ich diesmal aber einwenden, daß die Tempel von Kanchipuram einen ganz neuen Architekturtypus verkörpern, und außerdem hat einer von ihnen einen gewissen kulinarischen Bezug.

Kanchipuram, eine Ein-Lakh-Stadt im nördlichen Tamil Nadu, ist für zwei Dinge berühmt: Für gut tausendjährige, prächtige Tempel aus der Pallava-Zeit und für Seidensaris. Da der Besuch eines Texilladens für mich bereits in Berlin ein Horrorerlebnis ist, lasse ich die Klamotten einfach aus (Saris sieht man auch auf der Straße genug), und widme mich ausschließlich den Tempeln.

Die südindische Tempelarchitektur ist unglaublich beeindruckend, und die Tempel sind viel größer als im Norden. Sie bestehen aus mehreren Räumen und vielsäuligen Hallen aus Stein, die fast wie Höhlen wirken. Dieser Tempeltyp wurde auch nach Südostasien exportiert, daher sind Ähnlichkeiten zum großartigen Tempel von Angkor Wat in Kambodscha nicht ganz zufällig. Von außen machen sie dagegen nicht viel her, abgesehen von riesigen Turm („gopuram„) über dem Eingangstor – diese Türme prägen hier und in vielen anderen südindischen Städten die Skyline.

Das Bild von Xuán Zàng

Bei der Besichtigung des Vaikunta-Perumal-Tempels, eines wunderbaren alten Bauwerks mit einer Reliefgalerie um einen Hof, in dem das zentrale Heiligtum steht, fand ich zu meinem Erstaunen eine Figur, die nicht so sehr wie ein altindischer Asket als wie ein Kung-Fu-Meister oder meinetwegen Yoda aus dem „Krieg der Sterne“ aussah. Als ich mich nach dieser Darstellung erkundigte, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß hier Xuán Zàng abgebildet war, ein chinesischer Mönch, der im 7. Jahrhundert Indien besuchte und umfangreiche Reiseaufzeichnungen hinterließ, in denen er auch die Küche der Inder recht genau beschrieb.

Der Eingang zum Ekambaranatar-Tempel

Der Grund, weswegen ich eigentlich hierhergefahren bin, ist jedoch der Ekambaranatar-Tempel. Im Kern von der Pallava-Dynastie erbaut, erhielt er sein heutiges Aussehen (und seinen 60 m hohen Gopuram) erst im 16. Jahrhundert. Hat man das Tempeltor durchquert und seine Schuhe abgegeben, dann hüpft man zuerst mit schmerzverzerrtem Gesicht über einen von spitzen Steinen bedeckten und glühend heißen Betonweg zu einer säulengetragenen Vorhalle („mandapa„), in der man unter anderem eine Statue des Bullen Nandi (der ist das Reittier Shivas) bewundern kann, die von Gläubigen mit Buttermilch übergossen und von den Tempelbrahmanen danach wieder reingewaschen wird. Von dort geht es dann in den eigentlichen Tempel, wo man als Ausländer zwar aus dem inneren Heiligtum mit seiner Shiva-Statue verbannt bleibt, aber zumindest im Rest der Anlage hemmungslos photographieren darf, immer vorausgesetzt, man bezahlt seinen Obulus dafür.

Galerie mit hunderten Lingams

Bereits die lange Galerie mit hunderten von Säulen und fast ebensovielen Shivalingams wäre die zwei Euro Photogebühr wert gewesen, aber in einem Innenhof steht eine ganz besondere Spezialität: Ein Mangobaum. Leider ist der berühmte, uralte Baum mit seinen vier Zweigen, an denen angeblich unterschiedlich schmeckende Früchte wachsen, vor ein paar Jahren eingegangen, und er mußte durch einen Ableger ersetzt werden; der alte Baum wurde für heilig angesehen, weil seine vier Zweige die vier Veden symbolisieren, die ältesten Schriften des Hinduismus. Der neue ist noch zu jung, um Früchte zu tragen, aber ehrlich gesagt habe ich ohnehin nicht angenommen, daß mir die freundlichen Tempelbrahmanen ein paar Exemplare zum Kosten anbieten würden. Ein knorriges Stammfragment des alten Baums wird in einem Nebenraum hinter Glas als Reliquie aufbewahrt, womit die Assoziationen zum „Herrn der Ringe“ perfekt sind. Am neuen Mangobaum findet man eine Darstellung von Shiva und Parvati bei ihrer Hochzeit, und junge Paare lassen sich gerne ihre Heirat unter dem Baum segnen.

Der Innenraum wirkt fast wie eine Höhle

Seit Khajuraho habe ich absichtlich nichts mehr über Mangos geschrieben, weil ich mir das für hier aufheben wollte. Seit einigen Wochen bereits sind Mango-Verkaufsstände an der Straße ein alltäglicher Anblick, und die gelben bis roten, zwischen 100 und 400 g schweren Früchte werden begeistert gekauft und gegessen – nicht nur von mir, denn auch die Inder wissen die Freuden der kurzen Mangosaison zu schätzen. Mangos sind die Äpfel des tropischen Asien: Es gibt hunderte verschiedene Sorten, die sich in Größe, Farbe, Konsistenz und Geschmack so unterscheiden wie ein Granny Smith von einer Schafnase, und einheimische Genießer erkennen viele davon blind beim Verkosten. Der Mogulenkaiser Jahan Gir muß wohl ein solcher gewesen sein, denn sein Mangogarten soll mehr als tausend verschiedene Sorten umfaßt haben.

Der Bulle Nadi wird mit Joghurt geduscht

Halbreife Mangos bekommt man am Straßenrand eßfertig angeboten: Sie werden fein zerschlitzt und mit Salz und Gewürzen bestreut, was bei den schweißtreibenden Temperaturen äußerst erfrischend wirkt. Mango-Pickles bereitet man sowohl im Norden als auch im Süden aus unreifen Mangos zu, deren Säure und harziges Aroma perfekt zur intensiven Würzung paßt, und unreife getrocknete Mangos dienen in Nordindien als Säuerungsmittel (dazu nimmt man allerdings eine kleinfrüchtige Sorte, die man reif nicht essen könnte).  

Der Heilige Mangobaum

Die meisten Mangos werden allerdings reif geerntet und roh gegessen, als Snack zwischendurch und in hochpreisigen Restaurants auch als so eine Art Dessert. Auf der Straße bekommt man sie auch als Saft angeboten, das ist einfach gekühltes Mangopüree, das aber leider immer mit einer Unmenge Zucker verschlimmbessert wird, wenn man nicht gaaanz rasch „Stop!“ schreit.

Mangosortiment

Zwar habe ich immer noch nicht gelernt, wie man eine Mango ißt, ohne hinterher wie ein Ferkel auszusehen (meine Lösung: Ausziehen, Essen, Duschen), aber trotzdem habe ich in den letzten Tagen fast täglich welche verzehrt. Die Aromaunterschiede sind enorm: Zwischen honigsüß und harmonisch süß–sauer ist alles möglich, kombiniert mit dem typischen, etwas terpentinähnlichen Mangoraoma in wechselnder Stärke und einer Konsistenz, die zwischen speckig, mürbe, fasrig und elastisch schwankt.

Unser Wort „Mango“ stammt übrigens wahrscheinlich aus der tamilischen Sprache. Eine der zahllosen Bezeichnungen für Mango, besonders in unreifer Form, lautet hier „mangai„, wobei das Element „-kai“ einfach „Frucht“ bedeutet. Dieses Wort, oder ein ähnliches in der eng verwandten Malayalam-Sprache des Nachbarstaates Kerala, haben die Portugiesen im 15. Jahrundert aufgeschnappt und nach Europa getragen.

Von hier werde ich weiterziehen nach Puducherry…

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