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Etappe 12 – Mount Abu

Über Flitter­wochen mit den Schwieger­eltern, sandige Sonnen­untergänge und die Funktions­weise indischer Restaurants

nach so vielen abgelegenen Sehenswürdigkeiten bin ich nun in Mount Abu, der einzigen „hill station“ Rajasthans. Mount Abu (oder, auf Hindi, Abu Parvat) liegt auf einem isolierten Gebirgsstock, der sich über die umgebende Halbwüste erhebt und bis zu 1700 m erreicht; die Kleinstadt Mount Abu selbst liegt auf 1200 m.

Die Höhe merkt man: In der Nacht friere ich richtig, und selbst tagsüber erreicht die Temperatur gerade mal 20°. Klar, daß die hitzegeplagte Rajasthani hier in den Sommermonaten massiv einfallen, aber auch jetzt herrscht ein ziemlich buntes Treiben von Ausflüglern aus Rajasthan und Gujarat. Auch ein paar westliche Touristen haben sich unter die Menge gemischt, aber sie fallen hier kaum auf.

Am Nakki-See

Die Gründe, hierhehrzukommen, lassen sich relativ schnell aufzählen: Die Umgebung ist irgendwie lieblich. Am blauen Nakki-See kann man sich rudern lassen, Tretboote mieten oder einfach in einem der vielen Cafés sitzen, deren kulinarisches Angebot irgendwo im Raum zwischen südindischen Snacks, leckeren Eiscrémen (am besten: Safran–Pistazie) oder zeroth order approximations zu italienischem Espresso angesiedelt ist. Dazu kommen diverse Aussichtspunkte, die für ihre Sonnenuntergänge berühmt sind, und kleine Gärten, in denen man sich historische Kleider für bunte Familienphotos ausleihen kann.

Der Nakki-See von oben

Indischer Urlaub spielt sich ja, so wie der Rest des indischen Lebens, vorwiegend in der Großfamilie ab, und so sieht man vor allem verheiratete Paare mit den Eltern des Mannes, die hier ihre Flitterwochen verbringen. Die Braut muß sich ja nach der Hochzeit daran gewöhnen, nicht mehr unter der Fuchtel ihrer eigenen Eltern und Brüder, sondern unter der einer fremden Familie zu stehen. Diese Regel mag heute schon einigermaßen aufgeweicht sein, aber gilt immer noch in der Mehrzahl der Fälle: Ein eigener Haushalt für ein junges Paar ist für die Mittelklasse ein ziemlicher Luxus, und gilt auch kaum als erstebenswert.

Ruderboote am Nakki-See

Die Landschaft erinnert mit ihren Granitformationen an Zentral- und Südindien; der sogenannte „toad rock“ sieht sogar wirklich wie eine Kröte aus, die gerade in den See springen will. Die steinigen Anhöhen laden eigentlich zum Spazierengehen ein, aber davon wird überall abgeraten, da es in der Umgebung Bären und Räuber geben soll. Vielleicht erzählt man den Touristen Räuberpistolen und bindet ihnen Bären auf, um das Geschäft der lokalen Guides zu befeuern, aber Vorsicht ist bekanntlich besser als Nachsicht, und so bin ich gerade einmal bis zum honeymoon spot gepilgert, der an der Nordseite des Berges liegt und von dem man einen wunderbaren Blick auf die mehr als 1000 m tiefer gelegene Ebene hätte, wenn nicht alle Konturen vom in der Luft schwebenden Wüstenstaub verwischt wären.

Massen von indische Touristen kommen am späten Nachmittag dorthin, um den Sonnenuntergang zu bewundern, aber die Sonne verschwindet recht unspektakulär im Staub, lange eh sie in die Nähe des Horizonts kommt. Trotzdem klicken überall die Kameras für Familienphotos (als Tourist wird man oft gebeten, das Bild dekorativ aufzuwerten), und so wird das Ganze eine gar nicht uninteressante Übung im Beobachten indischer Urlaubssitten.

Jain-Tempel in Delvara

Trotzdem gibt es hier auch etwas wirklich Sehenswertes: Drei Kilometer entfernt liegt das Örtchen Delvara, das die schönsten Jain-Tempel Indiens beherbergt. Wegen des Photoverbots ist die Besichtigung in gewisser Weise schmerzlich, aber die von außen recht durchschnittlich wirkenden Tempel zeigen eine so exquisite Innendekoration, daß man sie wirklich unbedingt gesehen haben muß. Mein Versuch, die Wächter am Eingang mit Unsummen (genauer gesagt: Einem Wochenbudget) an Rupees zu bestechen, scheiterte kläglich an der unverschämten und ganz unindischen Redlichkeit, für die die Jains leider berühmt sind. Geht’s nicht ein  bißchen korrupter?

Im Inneren des Luna Vasahi

Die beiden Haupttempel haben einen einheitlichen Bauplan aus einer Säulenhalle, einem Hof mit Säulenrundgang (und vielen Nischen mit Standbildern der Tirthankaras) und einem zentralen Heiligtum. Säulen und Decke sind so exquisit bearbeitet, daß man sich im Inneren eines dreidimensionalen Fraktals wähnt: Alles ist bis in den Millimetermaßstab fein dekoriert, und man glaubt gerne, daß zehntausende von Mannjahren in jedem dieser Tempel stecken. Säulen, Bögen und Kuppeln bersten von einem unglaublichen Detailreichtum, und im Licht der schrägen Sonnenstrahlen erweist sich der Marmor oft als etwas transluzent und schimmert wie das lebendige Fleisch einer von der Sonne beleuchteten Hand.

Am Eingang kaufte ich mir ein paar Ansichtskarten und photographierte sie im weichen Licht der untergehenden Sonne ab, um wenigstens ein paar schlechte Bilder dieser einzigartigen Baukunst auf die Festplatte zu bekommen.

Wo soviele Leute Urlaub machen, muss natürlich auch gegessen werden. Wenn Du Mount Abu von allen Hotels, Restaurants und Touristendienstleistern befreien könntest, dann könnte man den Rest als Nationalpark deklarieren. Allerdings sind urlaubende Inder nicht gerade kulinarisch wagemutig: So bekommt man vor allem Gujarati-Thali, von dem ich Dir irgendwann einmal noch mehr erzählen werde, oder Punjabi-Küche, oder die indische Version von Chinesisch angeboten, dazu auch südindisch in allerlei Variationen, wobei im letzteren Fall die Authentizität gar nicht so schlecht ist, auch wenn der Sambar nie so richtig frisch schmeckt wie in Tamil Nadu.

Der Sonnenuntergang am Honeymoon-Spot…

An dieser Stelle ist es angebracht, einmal zu erklären, wie indische Restaurants überhaupt funktionieren. Um es in einem Satz ausdrücken: Mit viel Personal. Das Bedienungspersonal verrichtet arbeitsteilige Beschäftigungen, die vom Reinigen der Tische bis zum Servieren der Speisen offenbar mit unterschiedlichem Prestige behaftet sind. Der eine bringt die Speisekarte, der nächste (der etwas Englisch kann) nimmt die Bestellung auf, der dritte putzt den Tisch (immer erst, wenn man schon Platz genommen hat), und serviert wird dann vielleicht wieder vom zweiten. Wünscht man bei dieser Gelegenheit auch eine Serviette, dann wendet er sich an den dritten, der sie sich aus der Küche reichen läßt und zum Tisch bringt.

… ist allenfalls mittelprächtig.

Vor dem Restaurant auf der Straße steht der Lästigste von allen: Der Marktschreier, der allen Passanten einen sofortigen Lunch einreden will. Bleibt man vor dem Laden stehen, dann ist man schon Opfer und wird mit erdrückender Freundlichkeit hineinkomplementiert, wenn man nicht ganz schnell auf das Restaurant am Straßenende deutet und einen vollen Bauch simuliert. Manchmal spulen die Marktschreier aber auch ganz einfach die Speisekarte bzw. einzelne Sektionen daraus ab; in Mount Abu war einer mit einem Sprachfehler geschlagen und sagte jedes Mal, wenn ich vorbei kam, sein volles Mantra auf: “Tzain food, Tzinese food, Vetz, Non-Vetz, Puntzabi food, Gutzarati thali.”

Der Wichtigste sitzt aber genau am Eingang: Das ist der Kassier. Alles, was man geliefert bekommt, landet auch sofort auf seinen Schreibunterlagen; wenn man dann hinausgeht, addiert er dann die Einzelposten im Kopf auf und nimmt das Geld entgegen. Er ist meistens der Gebildeste (muß ja auch rechnen können), und im Fall von Kommunikationsschwierigkeiten wendet man sich an ihn. For the benefit of the foreign visitor macht er dann auch einmal niedrigere Arbeiten, oder leitet sie zumindest ein.

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