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Reisenotizen eines Gewürzsammlers


Heimflug

mit der Kamera bin ich in eine volle Niederlage gestolpert.

In Bhopal, der Hauptstadt des Bundes­staates Madhya Pradesh, ließ sich eine Reparatur nicht bewerkstelligen, und in Restindien wohl auch nicht. Die Service-Hotline des Kamera-Herstellers beweist wieder einmal, welche eigenwillige Vorstellung genau dieser Hersteller von „Service“ hat: “You must fly to the country where you bought your camera to get it repaired” war die Krönung der nutzlosen Ratschläge, die man mir seitens des lokalen Service-Centers, aber auch seitens der Zentrale in Mumbai machte. Was heißt schon multi­nationale Firma, wenn die fragliche Kamera nicht am indischen Markt erhältlich ist? So nie.

So verbrachte ich ein paar Wochen in Bhopal, um mich von den diversen Service-Centern weiter quälen zu lassen – wobei jedoch recht rasch klar wurde, daß aus dieser Richtung wohl keine Lösung erwachsen wird. Somit bleibt nur der Heimflug, wobei es mir sinnvoll erschien, so lange zu säumen,  bis die Temperaturen in Europa den Weg in die Pluszone gefunden haben. Außerdem lohnt die Küche dieser stark muslimisch geprägten Stadt durchaus ein längeres Verweilen.

In Erdgeschoß des Gebäudes, das auch mein Hotel beherbergte, lockte ein knallbuntes Schild mit der Aufschrift „Arebian“ – aber orthographische Sicherheit ist zugegebenermaßen nicht so wichtig wie kulinarische Kompetenz, und von letzterer war genug da. Abendlich wurden auf dem Holzkohlen­grill beim Eingang Hühner, Fische und Lammhack gegrillt und etwas ungenau als “tandoori chicken” etc. verkauft. Einen echten Tandur wird man hier in Zentral­indien nur selten finden, und so muß eben der durch einen elektrischen Fön angefachte Holzkohlen­grill als Ersatz dienen. Durch die längere Grillzeit schmeckt es natürlich etwas trockener, aber das ist zu verschmerzen. Die tikka, also in der typischen tanduri-Gewürzmischung gebeizte und danach gegrllte Hühnerbrust­stücke, schmeckte hervorragend.

Mein Lieblings­gericht, daß ich mir fast täglich gönnte, war jedoch dal tarka, also Linsenbrei mit gewürztem Öl. Am letzten Tag gelang es mir, dem Koch in der Küche genau zuzusehen: Der Linsenbrei (aus chana dal, also geschälten Kichererbsen) wurde zunächst mit Zwiebel, Kreuzkümmel, grünen Chilies und getrockneten Bockshornklee­blättern in der Pfanne angebraten, also zum gewöhnlichen dal fry verarbeitet; danach wurde er in das Serviergefäß gespachtelt. Die zweite Stufe bestand dann darin, daß in der Pfanne etwas Öl mit rotem Chilipulver und Kreuzkümmel­früchten angebraten wurde; kurz bevor der Chili zu verbrennen drohte, wurde mit wenig Wasser abgelöscht und anschließend eingekocht. Das knallrote, höllisch scharfe und nach Kreuzkümmel duftende Öl wird dann über die gelbe Linsenmasse gegossen. Einfache Zutaten, raffinierte Zubereitung, umwerfender Geschmack.

Doch irgendwann mußte ich mich losreißen, besorgte mir ein Bahnticket nach Delhi und von dort einen Flug, und verließ Bhopal. In Delhi wohnte ich im Marktviertel von Pahar Ganj, einem wunderbar wuseligen Ort, der bestimmt einen eigenen Brief wert ist. Hier sage ich nur soviel, daß ich dort eine Selektion von Mangos kaufte und nach Ankunft in Deutschland meiner Gastgeberin als kulinarisches Mitbringsel präsentierte. Das löste Verzückung aus, und ich hoffe, ich konnte sie über­zeugen, daß man in Deutschland einfach keine ernst­haften Mangos bekommt. Die beste Flugmango ist die, für die man nach Asien fliegen muß. Und wenn man gerade nicht fliegen kann, dann soll man eben Äpfel oder Zwetschken essen, aber keine Mangoimitate.

Fast eineinhalb Jahre in Südasien sind eine großartige Erfahrung voller Höhe­punkte und natürlich auch gelegent­licher Nieder­lagen – wie aus den Briefen zu lesen ist. Delhi endete mit einer Niederlage: Ich fand einfach nicht heraus, wie ich um Mitternacht mit dem Bus zum Flughafen fahren könnte, und mußte folglich auf einen räuberischen Riksha­fahrer zurückgreifen. Obwohl ich ihm den Preis heftig gedrückt hatte (“No profit, Sir!”), war er dann doch ganz guter Laune und erzählte mir grinsend, daß die eigentlich für 2010 geplante Fertig­stellung der Metro-Linien wohl erst 2012 bis 2014 erfolgen dürfte. Das ist zwar ein Segen für die Riksha-Wallahs, aber eine schlechte Nachricht für Touristen.

Beim Check-In wurde der 27 kg schwere Rucksack problemlos ange­nommen (ich hatte vorsorglich die schwersten Bücher ins Handgepäck ausgelagert), aber beim Security-Check lieft ich dann im wahrsten Sinne des Wortes ins offene Messer: Ich hatte dummer­weise vergessen, mein Schweizer Messer in den Rucksack zu stecken, und der Sicherheits-Typ meinte dann, das ginge auf gar keinen Fall im Handgepäck. Natürlich machte ich ein langes Gesicht, denn das Messer hatte ich mir erst ein paar Monate vorher gekauft, nachdem ich das Vorgänger-Modell verloren hatte. Also fragte ich mit geringer Hoffnung, ob sich denn da vielleicht doch etwas machen ließ.

Somit wurde eine Angestellte von Turkish Airlines herbei­gerufen, die das Messer skeptisch beäugte. Ich könnte ja, so meinte sie, ein Stück Handgepäck einchecken und das Messer somit loswerden. Aber diese Option gefiel mir gar nicht: Laptop oder Kamera (eiigentlich: Kamera-Ruine) gibt man nicht gerne aus der Hand. Somit verfiel sie auf einen besseren Gedanken, wickelte das Schweizer Messer einfach in zwei Plastik­­folien und klebte einen Gepäck­aufkleber daran. Damit galt das 100 g schwere Päckchen als unabhängig einge­checktes Reisegepäck, und ich sollte es am Ziel­flughafen einfach beim Baggage Claim erwarten. Ich war skeptisch, aber etwas Besseres war wohl nicht zu bekommen.

Nach einem mehrstündigen Aufenthalt in İstanbul stieg ich dann in die Maschine nach Deutsch­land, quälte mich nach der Landung durch die deutsche Immigration und wartete gespannt am Förder­band, ob denn beide Gepäckstücke auftauchen wurden. Es kam aber nur der Rucksack. Also machte ich mich schwer beladen mit Handgepäck und Rucksack, insgesamt wohl knapp 40 kg, auf, um das fehlende Stück beim Lost+Found einzufordern. Dort geriet ich an eine freundliche Dame, die mir mit einer charmanten Mischung aus deutscher Gründlichkeit und amüsierter Höflichkeit erklärte, daß so winzige Gepäckstücke gerne einmal vom Förderband fallen, sich in dunklen Ecken verstecken und Stunden bis Monate später gefunden werden – immer vorausgesetzt, das Messer hätte İstanbul jemals verlassen (oder auch nur erreicht). Sie versprach, sich um das verlorene Stück zu kümmern, und gab mir vorsorglich einen halben Baum an Formularen mit, mit denen ich gegebenen­falls Forderungen auf Schaden­ersatz bei Turkish Airlines geltend machen könnte. Extra viel Hoffnung machte mir das nicht.

Und doch geschehen Wunder. Keine drei Stunden später rief dieselbe Dame an: Ja, das Messer sei gefunden worden, ob das OK wäre, wenn sie es mir per Post nachsenden würde?! Ich nahm das Angebot mit Handkuß an, und tatsächlich schwebte das Päckchen heute morgen in einem dick gepolsterten Umschlag ein. Es heißt ja, das Leben bestrafe die Unvernunft, aber manchmal bekommt man erstaunlicher­weise auch Straferlaß.

Und das ist nun das vorläufige Ende der Indienreise. Die Zukunft liegt dunkel und verborgen hinter den Schleiern der Maya, aber vielleicht kann ich in ein paar Monaten wieder Neues berichten: Neues aus dem Land der bekifften Sadhus, der brennenden Hotels, der humoristischen Verkehrs­erziehung, der heiligen Mango­bäume, der gewürz­überwucherten Berge, der sirup­getränkten Tempel, der parfüm­duftenden Palmen und der turban­tragenden Löwen – kurzum dem Land, in dem das Reisen Spaß macht wie in keinem zweiten.

 

Eingechecktes Gepäckstück in Sondergröße

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