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Kosher & Co

Religiöse Esskultur und Speisepläne -
Teil 3: Das Mahl, Genuss & Verzicht, Brot des Elends, Identiäten


Das Mahl

Jüdisches Museum Berlin
Vorbereitung zu einem Gastmahl; chin.-mong. Miniatur 1340–1370 1

Die siebte Station der Themenreise trägt den Titel "Das Mahl": ein gemeinsames Essen und Trinken, das einer gewissenen Ordnung unterworfen ist. Im jüdischen Kontext bekommt diese Ordnung, hebreäisch "Seder", eine besondere Bedeutung: Sie bestimmt am Vorabend des Pessach-Festes, dem Sederabend, nicht nur die Auswahl dessen, was an Speis und Trank auf den Tisch kommt, sondern auch umfang- und detailreiche Rituale. Dazu gehört in Erinnerung an die Flucht aus Ägypten nicht nur Matze (ungesäuertes Brot) und Maror, Bitterkraut als Symbol für die bittere Knechtschaft, sowie andere symbolische Speisen, sondern auch Lieder, die gesungen und Texte die vorgelesen werden.

Unverzichtbar hierbei, dass das Mahl gemeinsam eingenommen wird. Damit ist ein weiterer Aspekt benannt, der im Zusammenhang von Religion und Essen in vielen Religionen eine hohe Bedeutung hat: Gastfreundschaft als Tugend. Wer mit wem das Brot bricht, ist für die christliche Tischgemeinschaft sprichwörtlich, nach Mohammed ist die Ehrung des Gastes ein Dienst an Gott. Im Hinduismus hat diese Tischgemeinschaft nicht nur eine bindende, sondern auch eine abgrenzende Bedeutung: ein gemeinsames Mahl ist nur innerhalb einer Kaste möglich um die eigene Reinheit zu wahren.

Genuss und Verzicht

Jüdisches Museum Berlin
Il mangiatore (Der Esser) ca. 1904  2

Völlerei gilt im Christentum als Todsünde. Am anderen Ende der Skala steht die Askese, also auf Dauer angelegtes Hungerfasten als Lebensform, die als Gipfel der Frömmigkeit im Hinduismus gilt. Manna in der Wüste oder das zu Wein verwandelte Wasser auf der Hochzeit zu Kana sind bibilische Vermehrungswunder, bei denen die Fülle Gottesgabe ist. Das Wechselspiel zwischen Genuss und Verzicht spielt beim Thema Essen und Religion eine große Rolle.

Fasten als temporärer Verzicht auf Speisen und / oder Getränke ist in vielen Religionen Ausdruck intensiven Glaubens. Auch wenn die Formen des Fastens unterschiedlich sind, gilt dies für den islamischen Fastenmonat Ramadan genauso wie für die christlichen Fastenzeiten oder den jüdischen Jom Kippur. Die Motivationen für das Fasten sind ganz unterschiedlich und reichen vom Reinigen der Seele, über Buße bis hin zur Erleuchtung.

Nicht religiös motiviert findet man die Praxis des Fastens schon seit Alters her zur Steigerung des körperlichen Wohlbefindens. Wenngleich die Wirkung nicht wissenschaftlich belegt ist, findet das Heilfasten regen Anklang. Ähnlich sieht es mit anderen Formen nicht religiös motivierter Enthaltsamkeit aus, wie beim Verzicht auf Fleisch oder beim Vegetarismus.

Brot des Elends

Welch besonderen Stellenwert das Aufrechterhalten von Speisegesetzen in extremen Situationen haben kann, ist Thema der neunten Station "Brot des Elends" in Erinnerung an die Schoa. Erste Machthandlung der Nationalsozialisten in diesem Zusammenhang war das Schächtverbot von 1933, wodurch der Zugang zu koscherem Fleisch erschwert wurde. Später sollte die gesamte Grundversorgung mit Nahrung massiv eingeschränkt und auf ein Minimum reduziert werden. Dennoch bemühten sich Juden in Ghettos und Konzentrationslagern, die Speisegesetze einzuhalten und an Ritualen und Festtage weit möglich festzuhalten.

Identitäten

Jüdisches Museum Berlin
Pita- und Falafel-Turm, Micha Lauri, Paris 2005-2006 3

Am Ende der Reise durch die reiigiös geprägte Esskultur stehen die "Identitäten" und damit die Ausdrucksformen der Speisesegesetze und ihre Auswirkungen auf heutige Juden. Allem voran steht zunächst die Beschaffung von Nahrungsmitteln, die im Sinne der Speisegesetze in fleischig (besari), milchig (chalawi) und neutral (parve) eingeteilt sind. Je nachdem, wie streng die Gesetze ausgelegt sind, gibt es verschiedene Zertifikate, mit denen die Lebensmittel gekennzeichnet werden. Diese Kennzeichnung - beispielsweise mit "OU" (Orthodox Union) - ist nicht nur in Israel sondern unter anderem auch in den USA üblich, bei uns in Deutschland jedoch nur vereinzelt zu finden. Mehr als Dreiviertel der koscheren Lebensmittel wird jedoch von Nichtjuden gekauft, weil die Herstellung nach Kaschrut auch als Qualitätssiegel für Hygiene und Reinheit steht.

Wer sich über die Zutaten hinaus auf die Suche nach der einen, Jüdischen Küche macht, wird vergebens suchen: es gibt sie nicht. Vielmehr ist "Jüdische Küche" eine Vielzahl von Speisen, die zwar einerseits durch die Speisegesetze und die Festtage geprägt sind, andererseits jedoch stark von den Küchen der Länder beeinflusst sind, in denen die Juden leben. Grob werden diese verschiedenen Kochstile in die askenasische (Mittel- und Osteuropa) und die sephardisch-orientalische (iberische Halbinsel, Mittelmeerraum und Orient). Mit Gründung des Staates Israel trieb der Versuch zu einer "Nationalküche" zu kommen, etwas eigentümliche Blüten. So wurden Falafel nicht nur zur  israelischen Nationalspeisen erklärt - sie sind parve und damit fleisch- und milchfrei - sondern ihnen wurde zeitweise die eigentlich arabischen Wurzeln versuchsweise aberkannt. Heute kann man in den kleinen Kichererbsenbällchen ein Zeichen für den verbindenden Charakter von Esskultur in einer Region über religiöse oder politische Grenzen hinweg sehen.

Koscher & Co - Jüdisches Museum Berlin - vom 09.10.09 - 28.02.10

 

Bildverzeichnis:

1 Vorbereitung zu einem Gastmahl, chinesisch-mongolische Miniatur, 1340–1370 © Staatsbibliothek zu Berlin, Orientabteilung, Foto: Kösser

2 Il mangiatore (Der Esser), Paolo Troubetzkoy, ca. 1904 © Museo del Paesaggio, Gipsoteca Troubetzkoy, Verbania

3 Pita- und Falafel-Turm, Micha Laury (geb. 1946), Paris, 2005–2006 © Ateliers Stephane Gerard, Paris

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Religiöse Esskultur und Speisepläne


Teil 1:
Schöpfung, Gesetz, Opfer - Jüdische Küche

Teil 2:
Fleisch, Brot, Wein - Jüdische Festtagsküche

Teil 3:
Das Mahl, Genuss und Verzicht, Brot des Elends, Identitäten - Religiöses Fasten

 



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Religiöses Fasten

Religiös motiviertes Fasten ist in vielen Religionen gebräuchlich, kann aber ganz unterschiedliche Formen annehmen. Hier eine kleine Übersicht


Fasten im Christentum


Im Christentum unterscheidet man verschiedene Formen des Fastens, die alle nur ein teilweises Fasten sind, das heißt, sie bedeuten keinen völligen Verzicht auf Nahrungsaufnahme. Zum Fasten gehört eigentlich immer der Verzicht auf Fleisch und manchmal auch mehr oder weniger umfangreich auf tierische Produkte; es kann jedoch auch eine persönliche Form des Opfers gewählt werden. Die strengsten Regeln pflegen orthodoxe Christen als veganes Fasten, bei dem Fett und Olivenöl ebenfalls tabu sind.

Fastenzeiten

Die vorösterliche Fastenzeit geht von Aschermittwoch bis Karfreitag einschließlich, wobei diese beiden Tage die strengsten Abstinenztage sind.

Bei uns etwas in Vergessenheit geraten ist die Adventszeit, die auch Fastenzeit ist und bis zum Heiligabend einschließlich geht. Den obligatorischen Gänsebraten darf es also eigentlich erst am 1. Weihnachtstag geben. 

Darüber hinaus gibt es in der orthodoxen Kirche noch die Apostel-Fastenzeit vom 1. Sonntag nach Pfingsten bis Peter und Paul am 29.06. und die zweiwöchige Fastenzeit vor Maria Himmelfahrt am 15. August.

Darüber hinaus gilt der Freitag und oft auch der Mittwoch als allgemeiner Fastentag.


Fasten im Judentum


Im Gegensatz zum Christentum kennt das Judentum keine längeren Fastenzeiten, dafür jedoch den völligen Verzicht auf Nahrung für einen ganzen Tag (24 bzw. 25 Stunden). 

Fastenzeiten

Der wichtigste Fastentag ist der vor dem Versöhnungstag Jom Kippur, dem höchsten Feiertag im jüdischen Kalender. Es folgt der Tischa beAv, an dem der Tempelzerstörung in Jerusalem gedacht wird. Gleiches gilt für den Tag vor dem Purimfest und den Estherfasttag. In Erinnerung daran, dass die Erstgeborenen Israels mit der zehnten Plage verschonte, ist Tradition, dass diese am Tag vor Pessach fasten.

Fasten im Islam


Eine weitere Variante des Fastens wird im Islam gepflegt. Hier schließt das Fasten den völligen Verzicht nicht nur von Nahrungsmitteln, sondern auch von Getränken. Darüber hinaus sind Rauchen und Geschlechtsverkehr ebenfalls tabu. Die Besonderheit ist, dass dieser Verzicht nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gilt. 

Fastenzeiten

Die große Fastenzeit der Moslems ist der Ramadan, der Fastenmonat. Die Fastenzeit endet mit Fest es Fastenbrechens, das drei Tage dauert.