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Reisenotizen eines Gewürzsammlers


Khajuraho - Madhya Pradesh

nun bin ich also in Khajuraho, und wie angekündigt ist dieser Brief nicht ganz jugendfrei: Diese Kleinstadt mitten im ländlichen Madhya Pradesh ist nämlich für eine Anzahl etwa tausendjähriger Tempel bekannt, die hier in der Einöde die muslimischen Eroberer ganz gut überstanden haben und daher das Bild einer sonst weitgehend verlorenen Epoche des Hinduismus dokumentieren. "Lebensfreude" und "Sinnlichkeit" sind die Schlüsselwörter zum Verständnis der hier in Stein gehauenen Tempelkunst, die in Wahrheit alle Aspekte des Lebens abdeckt, aber natürlich ziehen die erotischen Darstellungen das größte Interesse an sich – übrigens auch das der Inder, die hier ganz gerne ihre Flitterwochen verbringen.

Die Tempel, von denen weniger als ein Drittel erhalten sind, sind über ein paar Quadratkilometer verstreut, aber die schönsten stehen in der sogenannten „westlichen Gruppe“ nur ein paar Meter von meinem Hotel entfernt. Dafür muß man einen aberwitzigen Eintritt von 250 Rupees bezahlen (Inder kommen für zehn in den Genuss), während die anderen noch nicht so kommerzialisiert und frei zugänglich sind. Fluchen hilft nichts, und Boykottieren wäre Wahnsinn, also habe ich heute die Tour gemacht und in drei Stunden sechshundert Photos gemacht, von denen nach heftigem Ausjäten immer noch dreihundert den Weg auf die Festplatte geschafft haben.

Die Tempel gelten als das schönste Beispiel für den indo-arischen Stil, wie er in Nordindien vor dem Kontakt zum Islam üblich war. Sie stehen meist auf einer Plattform und öffnen sich nach Osten; nach einer oder mehreren Vorhallen kommt man in des Heiligtum, das ein Kultbild beherbergt und von einem hohen Tempelturm gekrönt wird. An der Außenseite sind die Mauern so dicht mit Skulpturen verzieht, so daß man manchmal den Eindruck hat, die Mauer sei nur aus den Abbildern menschlicher Körper errichtet. Viele, aber bei weitem nicht alle, dieser Skulturen stellen Tänzerinnen in erotischen Positionen dar, und (meist an exponierten Stellen) findet man dann auch die berühmten Sexdarstellungen, die Paare oder Gruppen in anatomisch kaum möglichen Positionen zeigen. Es wird allerdings behauptet, daß man durch fleißiges Praktizieren von Yoga eine entsprechende Gelenkigkeit erwerben kann.

Nicht alle Tempel hier dienten dem Hinduismus. Es gibt auch eine Gruppe von drei Jain-Tempeln, obwohl der Jainismus heute hier kaum noch Anhänger hat: Die stregst vegetarisch lebenden Anhänger dieser Religion, die etwa zeitgleich zum Buddhismus entstand und teilweise ähnliche Konzepte aufweist, findet man heute fast nur noch weiter westlich, in Maharashtra und Gujarat.

Als Kontrastprogramm zur massiven Kultur kann man mit dem Fahrrad durch die Landschaft strampeln, auf schnurgeraden Alleen, die von so bekannten Bäumen wie Nim, Tamarinde oder Mango gesäumt sind. Auf den Feldern werden Weizen und Senf angebaut, und friedlich grunzende Wasserbüffel suhlen sich in den schlammigen Seen. Die Mangobäume stehen gerade in Blüte: In der Hitze der gerade beginnenden heißen Jahreszeit sollten die Früchte in zwei Monaten reif sein, und mir läuft allein beim Gedanken daran schon das Wasser im Mund zusammen. Was man in Deutschland als Mango zu kaufen bekommt, wäre ja hier selbst für die Bettelschale eines Sadhu eine Beleidigung.

Das Fahrrad bietet noch einen weiteren Vorteil: Man entkommt den zahllosen Nervensägen, die jedem ein Hotel aufschwatzen, ihn in ihren Shop verschleppen oder ihm eine Tour nach Ichweißnichtwohin anbieten wollen; selbst die Kinder sind eine Qual, die wollen einen nämlich in eine Schule, ihr Haus oder sonstwohin einladen – und sobald man sich freundlich gibt, ist man schon mit Geldforderungen konfrontiert. Wie schön ist es da, wenn man mit dem Rad in einer Sekunde schon fünf Meter weit weg ist. Allerdings ist es kein Allheilmittel, denn Inder können auch radfahrenderweise Vekaufsgespräche starten und behalten dabei genug Überblick über den chaotischen Verkehr. Ich nicht.

Kulinarisch in Khajuraho leider ebenso touristisch verseucht: Pizza ist leicht zu bekommen („Italian Chef, Dutch Supervision“ steht auf einem der größten Restaurants des Ortes), aber echtes indisches Essen erweist sich als Herausforderung. Nach einigen Fehlversuchen habe ich am dritten oder vierten Tag endlich einen Laden gefunden, wo es schmeckt, und das baigan bharta liess keine Wünsche offen: Das ist grob gehacktes Auberginenfleisch, das mit Zwiebel, Ingwer und Gewürzen in nicht zu wenig Fett geschmort wird, bis es weitgehend zerkocht ist; es war simpel aber effektiv mit Chili, Curcuma, Koriander und Kreuzkümmel gewürzt. Am darauffolgenden Tag versuchte ich es mit alu matar, das sind grüne, frische Erbsen und Kartoffelstücke in einer pikanten Currysauce. Ganz passabel war auch der gestrige egg curry, harte Eier in eines Sauce aus Knoblauch, Zwiebel, Curcuma, Chili und Tomaten.

Sonst kann man sich nur an die auf der Straße verkauften Snacks halten. Die meisten davon bestehen aus Kartoffeln, einfach weil sie billig und nahrhaft sind, und weil sie sich so gut würzen lassen – es ist schwer vorstellbar, daß die indische Küche noch vor fünfhundert Jahren ohne diese Hackfrucht auskommen mußte (und, "horribile dictu", auch ohne Chilies). Meist werden die gekochten Kartoffeln mit Zwiebeln und Gewürzen zu einem Teig verknetet, der dann in verschiedener Form serviert wird. Für alu tikki wird der Teig auf einer heißen Platte mit etwas Fett gebraten, mit gekochten Kichererbsen abgelöscht und zuletzt mit einer scharf-süßen Sauce übergossen; der Kunde bekommt das ganze dann meist in einem industriell hergestellten Schälchen aus gepreßten Blättern, das man nach dem Essen diskret einer Heiligen Kuh zuwirft. Außerdem gibt es natürlich auch samosa, die bekannten, knusprig frittierten Teigtäschchen mit Kartoffelfüllung.

Die Kartoffelmasse kann aber auch zum Füllen von Brot verwendet werden. Für paratha braucht man nur ganz ordinären chapati-Teig, also Weizenmehl und Wasser, der mit einer Kugel Kartoffelmasse gefüllt, ausgerollt und mit Fett in einer Pfanne gebraten  wird. Interesanterweise bekommt man hier aber auch masala dosa, eine südindische Spezialität: Ein dünnflüssiger, leicht fermentierter Teig aus Reismehl und etwas Bohnenmehl wird auf eine heiße Platte gegossen und wie ein Crèpe ohne Wenden gegart. Mit der glatten Seite nach außen wickelt man den Fladen dann um die Kartoffelmasse, die südindisch mit Curryblättern gewürzt ist, und serviert mit einer pikanten Kokospaste und dem südindischen Gemüsecurry sambar. Im Süden spielt ja der Reiseine viel größere Rolle als hier im Norden, wo man eher Brot als Beilage isst – die bekannten Reisgerichte der nordindischen Küche, biryani und pullao, bestätigen diese Regel, denn es sind aufwendige Hauptspeisen und keine simplen „Sättigungsbeilagen“.

Ich habe vor ein paar Tagen in Jhansi ein Bahnticket nach Bhubanesvar in Orissa erstanden, allerdings stehe ich noch auf der Warteliste. Wenn alles gutgeht, dann trete im am 11.3. die eineinhalbtägige Reise zur Ostküste an, wenn nicht, dann sitze ich eben in der Tinte. Wenn aber alles klappt, dann finde ich noch mehr Tempel, und weitere – auch kulinarische – Höhepunkte.

 

Wasserbüffel beim Suhlen im See
Wasserbüffel beim Suhlen im See

Haus im alten Teil Khajurahos
Haus im alten Teil Khajurahos

Der Javari-Tempel - errichtet aus unzähligen Abbildern menschlicher Körper
Der Javari-Tempel

Skulptur des Parshvanath
Parshvanath - der 23. Furtbereiter der Jains

Tänzerinnen in erotisch-artistischen Stellungen
Erotische Szene am Kandariya-Tempel

Alu tikki - Gebratener Kartoffelteig mit scharfer Sauce

Masala Dosa - indische Crepes - bei der Zubereitung
Herstellung von Masala Dosa

Masala Dosa mit Sambar
Masala Dosa mit Sambar

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