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Reisenotizen eines Gewürzsammlers


Srinagar - Kashmir

ich melde mich heute aus Srinagar, der Sommerhauptstadt des indischen Bundesstaates Kashmir. Hier ist es bitter kalt; kein Wunder, schrieb ich doch gerade „Sommer-Hauptstadt“ und besonders in der Nacht ist es in den schlecht isolierten Hausbooten kaum auszuhalten. Ohne meinen geliebten Daunenschlafsack ‚Made in Germany’ wären die Nächte wohl tödlich hier.

Ich höre Dich schon fragen: „Hausboot? Ist er denn vor Anker gegangen?“ - aber nein, so schlimm ist es nicht. Srinagar ist seit Jahrhunderten ein Touristenparadies, und aus einer komischen historischen Laune heraus hat es sich eingebürgert, Touristen in schön orientalisch eingerichteten Hausbooten unterzubringen. Daran war wohl ein lokaler Maharaja schuld, der den Zustrom von hitzemüden britischen Offizieren in sein kleines Himalaya-Königreich verhindern wollte und seinen Untertanen verbot, Grund und Boden an Ausländer zu verkaufen oder vermieten. Es sagt viel über die Geschäftstüchtigkeit der Kashmiri aus, dass sie sogleich auf den Ausweg verfielen, Hausboote zu bauen und darin Touristen zu beherbergen.

Shikara vor der Front der Hausboote
 
Diese Geschichte mag auch gut erfunden sein, aber die Hausboote sind tatsächlich in einem unbeschreiblich altmodischen Mix aus kolonial, orientalisch und unbequem eingerichtet. Dicke Vorhänge filtern jedes Tageslicht weg, dafür brennen die Glühbirnen mit der Intensität unterernährter Kerzenflammen; immer vorausgesetzt, der Strom ist mal nicht ausgefallen, denn während der drei täglichen Stromausfälle springen parallel auf allen Hausbooten knatternde Dieselgeneratoren ein, die klingen (und riechen) wie ein Rasenmäher, die aber nur einen Teil der zahllosen unabhängigen Stromkreise bedienen können; man hat dann also ein superschwaches Licht am Gang, aber nicht im Bad.

Die meisten Hausboote liegen im großen Dal-See, der auch als riesiges Hydrokultur-Anbaugebiet dient; gedüngt von den hausbootbewohnenden Touristen. Zwischen dem Ufer und den Booten verkehren kleine Ruderboote (shikara), mit denen man auch eine Art schwimmende Stadtbesichtigung entlang der zahlreichen Wasserwege in der Stadt machen kann.
Innenansicht Hausboot
Die Stadt bietet eine Anzahl von Sehenswürdigkeiten, von mogulischen Gartenanlagen über Sufi-Schreine bis zur Großen Moschee, die freitags Platz für über 30.000 Gläubige bietet. Übrigens kann man auch das Grab Jesu Christi (oder zumindest, was einige dafür halten) besichtigen: Als ich vor 13 Jahren schon einmal hier war, war dieser sogenannte Rozabal-Schrein offen, aber jetzt ist er immer abgesperrt. Auf der Suche nach dem Grab fragte ich einen Händler danach  und stieß auf einen ungewöhnlich skeptischen Geist. Er meinte nämlich „You may think so, but Allah knows better.“ Ich fand das erstaunlich, weil man in Kashmir sonst recht reliquiengläubig ist, immerhin kann man auch ein Barthaar des Propheten in der Hazratbal-Moschee und das Grab Adams auf einem Hügel in der Peripherie der Stadt bestaunen.

Es ist aber auch ganz wunderbar, einfach durch die Altstadt zu spazieren. Srinagar ist schön, aber unglaublich wurmstichig: Nach Jahrzehnten der täglichen Bombenanschläge ist das Stadtbild ziemlich vernachlässigt, und wenn nun auch seit ein paar Jahren Ruhe herrscht, so fehlt doch der Wille (oder das Geld) für eine großflächige Renovierung. Da sage ich nur „Gott bzw. Allah sei Dank‚“, denn den mottenzerfressenen Charme möchte ich hier nicht missen.
Die Shah-Hamadan-Moschee
Sieht man mal davon ab, dass man von unzähligen Souvenirhändlern mit „very cheap prices“ für Teppiche, Papiermachée-Arbeiten, Safran, Juwelen und tibetischen Schmuck genervt wird, so ist es in der Altstadt ungefährlich und angenehm. Rund um die große Hauptmoschee, die Jamia Masjid, erstreckt sich ein riesiges Bazarviertel voller Händler, fliegender Teeverkäufer und winziger Restaurants, die oft nur aus einem Loch in der Hausfassade und einigen Töpfen bestehen. Obwohl ich in meinem Hausboot Vollpension genieße, macht es doch auch Spaß, im Marktviertel auf kulinarische Erkundungstour zu gehen.

Stichwort Safran: In dem kleinen Dorf Pampore nahe Srinagar liegt das einzige Safrananbaugebiet Indiens; vielleicht schaffe ich es ja im Herbst, zur Ernte nochmals vorbeizukommen. Der kashmirische Safran hat eigentlich eine gute Repuation, aber die mir angebotenen Qualitäten waren ziemlich mau und können keinesfalls mit dem iranischen Safran mithalten, den man in Berlin (zugegebenermaßen für den fünffachen Preis) überall kaufen kann.
Haus in der Altstadt

Kashmirische Küche ist muslimisch und relativ fleischlastig; zumindest, wenn man es sich leisten kann. Rogan Josh gilt als das Nationalgericht Kashmirs:  Das ist Lammfleisch, das in einer dünnen, joghurtbasierten Sauce geschmort wird. Es ist intensiv gewürzt und knallrot, aber nicht etwa wegen Tomaten, sondern wegen Hahnenkamm, den wir als Zierpflanze kennen, und getrockneter Chilies, die in Kashmir in herausragender Qualität angebaut werden. Die haben eine herrlich rote Paprikafarbe und riechen wie ungarischer Rosenpaprika, schmecken aber herzerfrischend scharf. Jedenfalls ist kashmirisches Rogan Josh nicht mit dem traurigen Papp zu vergleichen, den man in deutschen Indien-Restaurants unter diesem Namen bekommt.

Die gleiche Garflüssigkeit wie bei Rogan Josh kommt auch bei einer weiteren Spezialität Kashmirs zum Einsatz: Rista. Dabei handelt es sich um kleine Bällchen aus feinst gestampften Lammfleisch, das mit Ei zu einem festen Teig verknetet wird. Das Fleisch wird wirklich nicht gewolft, sondern in einer Art hohem Mörser gestampft, bis es ganz homogen ist. Nicht selten garen Rogan Josh und Rista sogar in einem Topf gemeinsam vor sich hin, denn Platz ist in diesen Mikro-Restaurants natürlich Mangelware.

Eine eigenartige Spezialität ist das kashmir ochar, eine lokale Variation der vielen Sorten pikant eingelegten Gemüses, die man überall in Indien zubereitet (Pickle, achar). Während Pickles sonst fast überall gekocht und ölig sind, besteht die Kashmir-Version aus grob geschnittenem Wurzel- und Blattgemüse, das mit Knoblauch, Ingwer und viel Chili gewürzt und milchsauer fermentiert wird. Das Resultat schmeckt ein bisschen wie koreanisches Kim-Chi und ist eine echte Ausnahme in Indien, wo Fermentation eher mit Verfall gleichgesetzt wird.

Wem das alles zu scharf ist, dem bietet sich mit Yakni eine mild-aromatische Alternative. Dieses chilifreie Schmorgericht besteht ebenfalls aus Lamm und Joghurt, wird aber nur dezent mit Ingwer, Zimt, Cardamom und Fenchel gewürzt, die in einem ersten Arbeitsgang mit Zwiebel angebraten werden, um ihr Aroma optimal zu entwickeln.

Während Indien ja nicht unbedingt ein Hort der Trinkkultur ist, so hat Kashmir tatsächlich eine lokale Getränke-Spezialität zu bieten: Grüntee mit Cardamom, manchmal auch Zimt und Nelken. Wie in Indien nicht anders zu erwarten, werden Tee, Gewürze und Zucker gemeinsam gekocht und in kleinen Schälchen nach dem Essen genossen; das einzige Getränk zum Essen ist Wasser, und das ist in den letzten 13 Jahren leider nicht weniger tödlich geworden, wie Dir mein Magen ganz genau erklären könnte.

Nächste Woche geht es in die hinduistische Tempelstadt Jammu, dort sollte es auch wärmer sein.

 

Liebe Grüße aus Srinagar

Rogan Josh - Lamm in würziger Joghurtsauce


Rista - Bällchen aus gestampftem Lamm


Kashmir Ochar - Pickles auf Kashmiri Art

 


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